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Gisela Bär in jungen Jahren.  Foto: privat 

Bildhauerin Gisela Bär aus Pforzheim wurde vor 100 Jahren geboren

Pforzheim. Wie in vielen Pforzheimer Haushalten hat die kleine Bronze-Madonna von Gisela Bär auch bei mir einen Ehrenplatz in der Vitrine. Am Mittwoch vor 100 Jahren geboren, gehört Gisela Bär zu den bedeutenden Künstlern Pforzheims – mit einer Strahlkraft weit über die Stadt hinaus. Ihre Skulpturen sind in Deutschland, Frankreich und der Schweiz präsent, Ausstellungen in den USA, Argentinien, Brasilien und Peru zeigten ihre Werke.

Dabei will die junge Hilda-Abiturientin alles andere als Künstlerin werden. Mitten im Krieg beginnt sie ihr Studium der Psychologie in Stuttgart. Als ihr gleich zu Beginn ein Psycho-Physiognom bei einem Vortrag „schöpferische Fähigkeiten, vor allem auf dem plastischen Gebiet“ attestiert, lässt sie sich überreden, kauft Modellierwachs und „zu meinem Erstaunen kam etwas Anschauliches zutage“, schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Der Einstieg in die Kunstwelt ist geschafft. Doch in Stuttgart wird sie ausgebombt, in Pforzheim erlebt sie die grauenvolle Nacht des 23. Februar 1945, die sie prägen wird. Sie kämpft sich durch die Stadt der Sterbenden, wird verschüttet.

„Als ich wieder zu mir kam, war alles still. Ich lag bäuchlings auf einer Leiche, meine Hände in den verkohlten Haaren“, schilderte sie im Buch „Der Untergang einer Stadt“ von Esther Schmalacker-Wyrich.

Sie versucht, durch ihre bildhauerische Tätigkeit, in die ihre Trauer, die Schrecken und Ängste einfließen, das Trauma zu überwinden. Ab 1948 ist sie Studentin an der Kunst- und Werkschule bei Professor Willi Seidel, der ihr Förderer und Mentor wird. Zwei Jahre später wechselt sie an die Kunstakademie Karlsruhe zu Carl Trummer. Wiederum zwei Jahre später verlässt sie die Akademie, um an einem Wettbewerb teilzunehmen. Und sie gewinnt: Ihre Schutzmantelmadonna aus Steinguss, drei Meter hoch, wird 1954 über dem Eingangsportal der Flüchtlingskirche in Gemmingen angebracht. Im gleichen Jahr ist Gisela Bär Preisträgerin der Ausstellung „Junge Kunst der Gegenwart“, ein Jahr später erhält sie den Baden-Württembergischen Kunstpreis. Der künstlerische Erfolg ist da – und bis zu ihrem Tod am 8. September 1991 wird sie freischaffend arbeiten. Viele Jahre in ihrem Atelier, ihrer „Hexenküche“ wie sie selbst sagt, am Spitalwiesenweg.

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Neu in städtischem Besitz: Eleni Engeser mit Werken der Künstlerin Gisela Bär, die im Stadtmuseum ausgestellt sind. Foto: Meyer

Ihre Kunst – ob sakral oder profan – trifft den Nerv der Zeit: Reduziert und manchmal fast schroff, klar und voller Symbolik, gestaltet sie Sinnbilder zentraler menschlicher Erfahrungen. Religion, Kunstgeschichte und darin der Mensch sind die tragenden Säulen ihrer Gedankenwelt. Ihr Interesse für Psychologie lässt sie direkt in die Seelen blicken. In ihrem Atelier entstehen die – oft meterhohen – Tonmodelle, von denen die Gipsform abgenommen wird. Als Bronze oder Steinguss sind sie vielfältig gerade in ihrer Heimatstadt anzutreffen. Zahlreiche Grabmalskulpturen auf dem Hauptfriedhof legen Zeugnis davon ab, wie sehr Gisela Bär den Menschen als Kreatur und Abbild Gottes sah. Der Passionsweg als Relief in der Sankt-Franziskus-Kirche, die Heilige Elisabeth in der Elisabethkirche, die Madonna mit Kind im Gemeindezentrum St. Bernhard, aber auch die Bronzeplastik „Der Bürger und seine Stadt“ im Rathaus und viele weitere Arbeiten erinnern auch heute noch an diese große, so bescheidene Künstlerin.

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Gisela Bär bei der Arbeit in ihrem Atelier an einem Tonmodell für eine große Madonna. Foto: privat

Dank einer großzügigen Spende hat sich der Bestand von Werken Gisela Bärs in städtischem Besitz mehr als verdoppelt. Waren bislang drei Objekte der Pforzheimer Künstlerin stets auch gefragte Ausleihstücke bei den „Artotheken“, so sind die vier hinzugekommenen Werke in den kommenden Wochen öffentlich zu sehen. Zwei Bronze-Plaketten und drei für sie typische Bronze-Skulpturen werden von Mittwoch an im Stadtmuseum ausgestellt: im Eingangsbereich in der vor kurzem eingerichteten Abteilung „Neuzugänge“. Auch Eleni Engeser, die die kleine Schau betreut, freut sich über die Spende der Pforzheimerin, die anonym bleiben möchte.

„Die fünf Werke zeigen eine schöne Bandbreite ihres Schaffens“, sagt die Kunsthistorikerin.

Da sind die religiösen Motive – die kleine Bronze mit zwei Mönchen, die sich über ein Schriftstück beugen und die Relief-Plakette mit der Pfingstdarstellung. Ganz weltlich geht es in der fröhlichen Gruppe von Musizierenden auf dem zweiten Wandbild zu, während die Skulpturen mit zwei Frauen und einem sich umarmenden Paar der bekannten Bildwelt Gisela Bärs entspringen.

Das Stadtmuseum in Pforzheim-Brötzingen, Westliche Karl-Friedrich-Straße 243, ist mittwochs und donnerstags von 14 bis 17 Uhr sowie sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin

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