Pforzheim. Was macht ein Dirigent nach vollbrachtem Konzert, wenn ihm und dem Orchester ein besonders lang anhaltender Applaus beschert wird? Er faltet die Hände, hebt sie in die Höhe und dankt. Er bittet mit einer Geste schließlich um Ruhe und sagt: „Sie sind das beste Publikum.“ Ein Lacher! „Das beste, das ich je in Pforzheim hatte.“ Noch ein Lacher! Denn Charles Olivieri-Munroe, international tätiger Dirigent und derzeit Chef der Krakauer Philharmoniker, gastierte am Sonntag zum allerersten Mal in Pforzheim.
Mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester präsentierte er im gut besuchten CongressCentrum das Programm „Slawisch“, das mit der „Suite für Streicher“ des tschechischen Komponisten Leoš Janáček den Auftakt machte. Auf ein energisches Moderato am Anfang mit sehr entschlossenen ersten Geigen folgte eine beruhigende Allemande im Adagio im weichen Streicherklang. Wilde Töne waren im schnellen Scherzo zu hören. Diese ideen- und abwechslungsreiche Musik, die Janáček mit 23 Jahren komponierte, gehört mit zum schönsten Repertoire eines Kammerorchesters. Die Air dirigierte Olivieri-Munroe in besonders ruhigem und langsamen Tempo, so dass für das liebevolle Cello-Solo, gespielt von Gast Kevin Guerra Rondón, viel Gestaltungsspielraum blieb. Großartig musiziert!

Stars des Abends war dann auch das Violoncello, gespielt von Friedrich Thiele, der die Rokoko-Variationen A-Dur op. 33 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky mit virtuoser Leichtigkeit und hellwacher Prägnanz meisterte. Das Cello klang licht und klar, nie dominant, aber immer gut hörbar und präsent. Thieles Spiel ist musikalisches Genussmittel. Schwere tiefe Töne scheint der 25-Jährige mit geschlossenen Augen wie in sich aufzusaugen, die hektisch abrutschenden Glissandi spielt er humorvoll mit verschmitztem Lächeln, und bei den von ihm mühelos auf dem Griffbrett platzierten höchsten Flageoletttönen hält er zur Fermate inne, schaut ins Ensemble, als wenn sein Blick fragen möchte: ‚Seid Ihr bereit?‘ Ja, sie sind. Orchester und Solist waren bestens aufeinander abgestimmt.
Friedrich Thiele ist Gewinner zahlreicher renommierter nationaler und internationaler Preise, siegte unter anderem beim ARD-Musikwettbewerb 2019. Hätte die Corona-Pandemie die letzten Monate die weltweiten Klassikwettbewerbe nicht derart lahmgelegt, hätte er sicherlich weiteren Ruhm eingeheimst. Wobei wohl kein Wettbewerbszertifikat so aussagekräftig sein wird wie das Live-Erlebnis. Man sollte ihn gehört haben! Herrlich unprätentiös kündigte Thiele denn auch seine Zugabe an, ein kurzes Impromptu, für das er begeisterten Beifall bekam.
Nach der Konzertpause folgte das Notturno H-Dur von Antonín Dvořák. Das Orchester machte hier einen wunderbaren Spannungsbogen auf, der bis zum Schluss durchhielt, als ein Pizzicato im Cello und ein versöhnlicher Geigenton das schöne Nachtstück beendete. Orchestrales Glanzstück war am Konzertabend die Serenade für Streicher Es-Dur des 1935 verstorbenen tschechischen Komponisten Josef Suk. Auch so ein Werk, das in jungen Jahren geschrieben wurde, als Suk noch bei Dvořák studierte. Das Südwestdeutsche zeigte hier seine klangfarbenreiche Palette – bei den melodisch schmachtend bis seufzenden Geigen kann man regelrecht schwach werden. Ein bisschen slawische Sehnsucht, die ans Herz ging. Dafür gab es schließlich den langen Applaus, der Dirigent Charles Olivieri-Munroe zu seinem Publikumslob motivierte.

