Der iranische Musiker Mahan Esfahani musste sich heftige Reaktionen des Kölner Publikums gefallen lassen. Musil
Harfenistin Gudrun Fährmann
Oboist Nigel Treherne
Kontrabassist Klaus Dusek
Dirigent Markus Huber
Kultur
Der Alptraum jedes Musikers: Protest des Publikums mitten im Konzert
  • Simon Püschel

Am Anfang scheint noch alles in Ordnung an diesem Sonntagnachmittag in der Kölner Philharmonie. Der iranische Cembalist Mahan Esfahani beginnt sein Konzert mit einem Schlager des barocken Repertoires: Bachs chromatischer Fantasie und Fuge. Diese Stücke sind es, die das Publikum anziehen. Die Abo-Reihe „Sonntags um 4“ verspricht kleine, aber hochprofessionelle Ensembles, oft steht Barockmusik auf dem Plan. Es ist ein beliebtes Format. Nur an diesem Tag; da ist alles anders als sonst.

Mit dem Concerto Köln steht noch ganz konventionell ein heimisches Ensemble mit auf der Bühne. Aber das Programm ist anders. Es verbindet barocke Cembalo-Werke mit neuer Musik. Das Resultat? Tumult. Kaum hat Esfahani mit Philipp Glass’ „Piano Phase“ begonnen, gibt es Getuschel. Zugegeben, es ist kein einfaches Werk und wirkt schnell eintönig – außer man hört genau hin. Das aber hat das Publikum anscheinend nicht gemacht. Lacher branden auf, Zwischenrufe, Klatschen mitten im Stück. Esfahani bricht ab. „Wovor haben Sie Angst?“, fragt er das Publikum auf Englisch. Zurück kommt: „Sprich Deutsch!“

Ist das Rassismus? Vielleicht. Abneigung gegen alle Musik, die nicht schon mindestens 200 Jahre alt ist? Möglich. Sicher ist: Es ist ein neues Phänomen. Lang ist es her, dass ein selbstbewusstes Pu-blikum aus Uraufführungen Neuer Musik Skandale machte, sie unterbrach oder sabotierte.

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Gudrun Fährmann, die 40 Jahre als Harfenistin bei der Badischen Philharmonie gespielt hat. „Solche Unmutsäußerungen haben eine neue Wertigkeit.“ Auch Markus Huber, Generalmusikdirektor der Badischen Philharmonie, zeigt sich erschüttert über die Kölner Vorfälle: „Man sollte sich auf die Musikstücke einlassen. Gerade, wenn das Programm vorher schon bekannt ist.“ Es sei absurd, einen Künstler und sein Konzept so vorzuführen. Kritik sei möglich, findet Gudrun Fährmann. Aber die Form sei entscheidend. „Jeder kann ja im Anschluss an das Konzert den Kontakt zum Musiker suchen und mit ihm diskutieren. Aber so ein rüpelhaftes Verhalten geht nicht.“

Ähnlich sieht das Klaus Dusek, Kontrabassist bei der Badischen Philharmonie. Er ist schockiert über den Vorfall – und kennt Ähnliches aus Konzerten nicht. „Im Theater Pforzheim habe ich aber so etwas Ähnliches schon einmal erlebt“, erzählt er. 1998 steht Tankred Dorsts „Parzival“ auf dem Spielplan des Hauses. „Schon ein schräges Stück“, meint Dusek, der mit einigen Kollegen die Bühnenmusik eingespielt hat. „Da war dann auch der Schauspieler Olaf Schaeffer als König Artus nackt auf der Bühne.“ Es habe schon Proteste gegeben „Viele sind gegangen. Einer hat sogar gerufen: ,Tschüss, Ich geh’ jetzt!‘ und dann die Tür geknallt“, schildert Dusek. Aber Protest, bei denen Rassismus zumindest mitschwingt, das habe er nicht erlebt. Er hofft, dass solche Unmutsäußerungen keinen Trend setzen. Denn am Freitag, 18. März, gibt es im „Goldenen Anker“ eine Lesung mit Musik. Dusek hat sie mitorganisiert. Auf dem Programm steht – neben Beethoven – auch ein Werk des Komponisten Hidayat Inayat Khan. Der ist Iraner, Jahrgang 1917. Dusek hofft auf ein ruhiges Konzert – trotz der zeitgenössischen Musik.

Das Konzert verlassen

Auch Nigel Treherne, der Solo-Oboist der Badischen Philharmonie, komponiert. Bei den Uraufführungen seiner Werke habe er noch keine Störung erlebt: „Vielleicht bin ich aber auch bloß zu Mainstream“, sagt er. Einen Vorfall habe es aber schon gegeben. In Tübingen steht bei einem Kirchenkonzert ein Oboen-Werk des italienischen Komponisten Luciano Berio auf dem Programm. „Zugegeben ein ziemlich wildes Stück, bei dem von einem Tonband ein Klang abgespielt wird, von dem sich die Oboe immer mehr entfernt“, sagt Treherne. „Da sind einige Leute mittendrin rausgegangen – und haben die schwere Kirchentür zugeschlagen.“

So ein Verhalten kann Treherne nicht nachvollziehen. Nicht, weil er keine Kritik zulässt, sondern weil der Respekt fehle. „Ich bin auch schon mal in einem schlechten Kino-Film vor dem Ende rausgegangen. Bei Livemusik ist das was anderes. Da stehen echte Menschen vorne.“ So wie Esfahani aus Köln. Der aber lässt sich von den Störungen nicht beeindrucken. In einem Jahr ist er wieder in der Kölner Philharmonie zu Gast. Und auf dem Spielplan steht: die „Piano Phase“ – diesmal wird das Stück vielleicht sogar zu Ende gespielt.