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Wenn Fritz Falk erzählt, vergeht die Zeit wie im Flug. Foto: Meyer
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Leidenschaft: Fritz Falk besitzt eine umfangreiche Kamel-Sammlung. Foto: Meyer

Der Mann der tausend Schmuckgeschichten: Fritz Falk wird 80

Pforzheim. Kurz bevor er die Tür hinter mir schließt, sagt Fritz Falk noch: „Stell’ mich ja auf kein Podest. Und schreib’ nicht so viel.“ Ein frommer Wunsch, denn wie kann man wenig schreiben über einen Mann, der in 80 Lebensjahren so viel erlebt und so viel bewegt hat?

Einer, der als „Mister Schmuckmuseum“ das Image der Goldstadt prägte wie kaum ein anderer. Und einer, den man mit seiner zugewandten, klugen und empathischen Art einfach ins Herz schließen muss. Dass er zudem ein charmanter Plauderer und kenntnisreicher Erzähler ist, wissen nicht nur die Zuhörer bei seinen fabelhaften Vorträgen im PZ-Forum. Deshalb, lieber Fritz Falk, hier nun dein Porträt in der maximal möglichen Kürze. Und nicht zu vergessen: herzlichen Glückwunsch zu deinem 80. Geburtstag.

Fritz Falk und der Schmuck

Eigentlich soll der junge Pforzheimer die großväterliche Schmuckfirma übernehmen, schließlich floriert das 1897 gegründete Unternehmen „Hermann Hottinger – Fabrikation feiner Juwelen“ noch prächtig. Anfangs tritt der Abiturient auch in die Fußstapfen von Opa und Vater, absolviert eine Goldschmiedelehre, begleitet vom Gaststudium an der Kunst- und Werkschule, legt die Meisterprüfung ab, bildet sich im Ausland weiter – und entschließt sich, „sehr zur Enttäuschung meiner Eltern“ – zum Studium der Kunstgeschichte. 1972 legt er mit „magna cum laude“ die Promotion ab. Da ist er längst schon im Schmuckmuseum aktiv, hilft 1965 dem damaligen Kulturamtsleiter Hermann Wahl beim „Ersten Internationalen Schmuckwettbewerb“ und ist dann ab 1969 – zuerst nur mit Kurzverträgen – auf dem Weg zum Museumschef. Ab 1971 folgen ereignisreiche Jahre, in denen er die Einrichtung im Reuchlinhaus von der „quite nice collection“ (ganz nette Sammlung), so der ehemalige Art Director der Londoner Goldsmith’s Hall, Graham Hughes, zum „Museum von Weltruf“ ausbaut, wie ihm der ehemalige Kulturbürgermeister Fritz Wurster bescheinigt. Bis zum Ruhestand im Jahr 2004 ist er weltweit unterwegs, gilt als international bedeutender Fachmann für historischen und modernen Schmuck. Und gestaltet Ausstellungen, die Maßstäbe setzen, wie die „Schatzkammer der Zarenvölker“.

Fritz Falk und die Ornamenta

Der Plan des ehemaligen Pforzheimer Oberbürgermeisters Joachim Becker ist hochfliegend: 1986 bittet er Falk und Schmuck-Professor Rüdiger Lorenzen in sein Arbeitszimmer: Er will eine „Weltausstellung der zeitgenössischen Schmuckkunst“ in Pforzheim etablieren. In einer schlaflosen Nacht kommt Fritz Falk ein möglicher Titel in den Sinn: Ornamenta – vom lateinischen Verb „ornare“ (schmücken, zieren). Ein internationaler Beraterstab mit elf Persönlichkeiten aus elf Ländern und vier Kontinenten sowie ein Arbeitsteam werden gebildet. Von 30. September bis 19. November 1989 lockt die Schmuckschau, die sich über die ganze Stadt erstreckt, 40 000 Besucher an. Und nun, soll es eine Ornamenta II geben? „Anfangs war ich dagegen“, sagt Falk, „es schien lächerlich nach über drei Jahrzehnten.“ Aber dann wird der Saulus zum Paulus, findet die Idee einer großangelegten Design-Schau überzeugend. Und wird angesichts der zögerlichen Politiker enttäuscht: „Ich hoffe allerdings immer noch, dass die Ornamenta II nicht zu Grabe getragen wird.“

Fritz Falk und die Anekdoten

Wer den ehemaligen Schmuckmuseumsleiter jemals im PZ-Forum erlebt hat, weiß: Lebhafter, witziger und interessanter plaudern geht nicht. Etwa über die Geschichte mit dem berühmten Filmemacher Edgar Reitz („Heimat“). Nur dass der 1969 noch weit entfernt von heutigem Ruhm ist, und Fritz Falk mit Drei-Monats-Verträgen fürs Schmuckmuseum arbeitet. Reitz hat die Filmidee, die E.T.A.-Hoffmann-Geschichte vom mörderischen Goldschmied Cardillac im Berlin der Gegenwart anzusiedeln. Doch er will der Glaubwürdigkeit halber keinen Theaterschmuck einsetzen, sondern echte Preziosen. Falk-Chef Hermann Wahl stimmt zu, gibt aber den unersetzlichen Stücken der Pforzheimer Sammlung einen Aufpasser mit. Und das ist kein anderer als der 29-jährige Fritz Falk. Der erlebt nicht nur, wie mit Gunter Sachs Filmszenen in dessen Münchner Stuck-Villa gedreht werden, sondern den Regisseur von einer ganz anderen Seite. Der hatte sich nämlich – ganz im Sinne der 68er – vorgenommen, jedem an der Produktion Beteiligten ein Mitspracherecht einzuräumen. Es lässt sich erahnen: „Halbe Nächte lange wurde diskutiert, gestritten, gebrüllt …“, erinnert sich Falk. Bis Reitz der Kragen platzt – und er alles wieder selbst in die Hand nimmt. „In wilder rasender Fahrt fuhr er in dieser Nacht wütend von Dahlem ins Hotel. Und ich saß neben ihm!“ Bibbernd und betend, diese Tour heil zu überstehen.

Fritz Falk und Russland

Wie das Leben so spielt: Im Mai 1990 stehen drei Menschen im Schmuckmuseum und wollen unbedingt den Chef sprechen. Der hat eigentlich keine Zeit, will erst abwimmeln, aber überlegt es sich doch anders. „Diese Entscheidung hat mein Leben verändert“, sagt Falk im Rückblick. Denn da unten stehen eine russische Künstlerin, der Journalist und PZ-Mitarbeiter Sebastian Giebenrath und Igor Prudikov, junger Mitarbeiter des Benois-Museums in St. Petersburg. Der bietet im Auftrag seines Chefs an, die „bemerkenswerte Schmucksammlung“ in Pforzheim zu zeigen. Falk fliegt, mitten im klirrend kalten Dezember, in diedamalige UdSSR – und wird enttäuscht: Die hochgelobte Kollektion ist alles andere als überwältigend. Dagegen allerdings das Ethnografische Museum! Mit seinen Kostbarkeiten aus allen Teilen des ehemaligen Zarenreichs. Mit „einigem diplomatischen Geschick“ gelingt ihm der Tausch – und er lernt so ganz nebenbei eine der Kuratorinnen des Hauses kennen: Anna Ratnikova. Die Ausstellung „Schmuck der Zarenvölker“ kommt 1991 in Pforzheim zustande. Auch Anna Ratnikova reist mit – und bleibt: allerdings nur im Herzen von Fritz Falk. Seit 1995 sind sie Lebenspartner – häufig auf große Entfernung. „Aber wir telefonieren jeden Abend“, sagt Falk über die Liebe auf Distanz.

Fritz Falk und der Ruhestand

„Lebendig“, nennt Falk seinen Ruhestand selbst. Eine sachte Untertreibung. Denn seit 2004 hat er große und wichtige Ausstellungen, wie „Serpentina – die Schlange im Schmuck der Welt“ (2011) und „Himmlisch“ (2016), im Schmuckmuseum kuratiert. Er ist weltweit als Vortragsredner unterwegs, im Rundfunk und Fernsehen zu Gast und war Konsultant für das Staatlich-Russische Museum für Ethnografie. Auch wenn ihn im September 2017 ein Schlaganfall eine Weile ausgebremst hat, steckt er doch voller Tatendrang. Und bereitet gerade intensiv die Ausstellung „Alles was Flügel hat“ vor, die im kommenden Jahr im Schmuckmuseum eröffnet wird.

Fritz Falk und die Kamele

Die Liebe zu den Kamelen beginnt 1973: Fritz Falk hat gerade seine Dissertation in Tübingen abgeschlossen und will mit Freundin und späterer Ehefrau Monika einfach nur Touri-Urlaub machen. In Tunesien, ganz ohne Kultur. „Was natürlich nicht geklappt hat“, schmunzelt er angesichts so wichtiger historischer Stätten wie Karthago und El Djem. Aber früh morgens geht er an den Strand und trifft dort regelmäßig auf eine Kamelmutter mit Kind, die samt Führerin auf Touristen warten. „Dann habe ich mich mit dem Kleinen angefreundet, auch wenn es größer war als ich“, erinnert sich Falk. Seither sammelt er Kamele – aller Arten. Vom Spielzeug bis zur wertvollen Antiquität. Ein winziges Gold-Kamel trägt es an einer Kette mit vielen weiteren Memorabilien um den Hals. Und da sind natürlich die vielen Kamele, die Freunde immer wieder mitbringen. Ob heute das eine oder andere dazukommt?