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Grelles Bühnenbild und trashige Kostüme: Ensembleszene aus der „Dreigroschenoper“, die am Freitag am Theater Pforzheimer Premiere hatte. Foto: Haymann
14.11.2016

„Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill am Stadttheater

Pforzheim. Sage keiner, die „Dreigroschenoper“ sei überholt und ihre Botschaft hätte sich erledigt. Die Pforzheimer Produktion des Werkes fällt in eine Zeit wachsender sozialer und politischer Schwierigkeiten, auf die das Programmheft zu Recht hinweist. Es hätte also an Gelegenheiten nicht gefehlt, diese anhaltende, jetzt noch verschärfte Aktualität sichtbar zu machen.

Immerhin traf das Stück schon bei seiner Berliner Uraufführung 1929 auf ein Klima, das bestimmt war von wirtschaftlicher Rezession und gesellschaftlichem Wetterleuchten. Da kam die Moritat vom abgefeimten Gentleman-Gangster Macheath, der sich rücksichtslos den Weg nach oben bahnt, und dem nicht minder ausgekochten Bettlerkönig Peachum, der zynisch das Elend der Ärmsten zum eigenen Vorteil ausbeutet, gerade recht.

Bildergalerie: Premiere am Theater Pforzheim: „Die Dreigroschenoper“

Grelles Tingeltangel

An den Zeitumständen hat sich heute im Wesentlichen leider wenig geändert. Umso erstaunlicher, dass die Pforzheimer Aufführung diesen Aspekt durch groteske Verzerrung zu grellem Tingeltangel verläppert, in dem höchst gelegentliche Ausbrüche des Stückes in anhaltend gültige Gesellschafts- und Kapitalismuskritik wie pflichtschuldige Verbeugungen vor dem Zeitgeist anmuten – etwa wenn ausgerechnet die Spelunkenjenny im brav gesungenen zweiten Finale mit engagiert herausgeschrienem „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ plötzlich schier aus dem klassenkämpferischen Häuschen gerät.

Nun lässt sich ja über die ideologische Abstinenz der Aufführung in Kritik oder Zustimmung trefflich streiten, nicht aber über die künstlerische Qualität des Abends. Und hier hat diese „Dreigroschenoper“ im diffusen Bühnenbild von Dirk Steffen Göpfert und den schrillen Trash-Kostümen vom Alexandra Bentele erhebliche Defizite, die die Frage aufwerfen, wie der Pforzheimer Intendant Thomas Münstermann dem Regisseur gleichen Namens diese enttäuschende Arbeit durchgehen lassen konnte. Münstermann selbst ist ja ein in Opern- und Showfragen erfahrener Theatermann, dem auch in Pforzheim schon kompetente Inszenierungen gelungen sind. Bei dem Brecht/Weill-Projekt allerdings ist davon kaum etwas zu bemerken. Vielmehr leidet der Abend an argen Ungeschicklichkeiten, Flüchtigkeiten und Unzulänglichkeiten.

Defizite insbesondere der Personenregie rächen sich vor allem dann, wenn das Ensemble wie in Pforzheim Schwächen aufweist. Tatsächlich leidet die Inszenierung nicht zuletzt unter ihrer unbefriedigenden Besetzung der kleineren Partien: Die Gauner von Macheaths „Platte“ werden erkennbar von Laien des hauseigenen Theater-Spielclubs gespielt, die weder in Sprache und Gesang noch in Bewegung diesen (geringen) Aufgaben gewachsen scheinen, und kaum anders verhält es sich bei den dilettantischen, ergreifend unlasziven Huren von Turnbridge.

Domestizierter Mackie Messer

Eine solide Stütze des Abends ist immerhin Robert Besta als domestizierter Haifisch Mackie Messer – ein smoother Gangster, der souverän die korrupten Mechanismen der Gesellschaft bedient und sprachlich souverän den Macho spielt, der viel, viel Kreide gefressen hat. Sängerisch bleibt er der Rolle jedoch vieles schuldig und leidet im Übrigen immer wieder unter den Grillen einer Regie, der meist wenig mehr einfällt als gelegentliches Augenpulver und obszönes Beiwerk. Klaus Geber spielt den durchtriebenen Peachum mal mit Rollstuhl, der ihm als morbider Thronsessel dient, mal auch ohne. Die gleisnerischen Tiraden des Schurken gelingen ihm besser als die Songs, in denen er unbekümmert die Zwänge von Musik und Intonation verlässt. Ähnlich verhält es sich bei Barbara Bernt als Mrs. Peachum, deren „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ in szenischer Einfallslosigkeit versinkt.

Der grotesk verkleidete Markus Löchner ist als Tiger Brown auf eine krasse Charge verbogen und bleibt hinter der ambivalenten Rolle zurück. Theresa Martini gibt eine betont mädchenhaft-zarte Polly, die sich zur Kämpferin um ihre Liebe mausert, während Julia Zangger als Rivalin Lucy als kompakte Punk-Lady für gehörigen Dampf sorgt. Sängerisch können sie beide nicht ganz überzeugen. Lilian Huynen als handfeste Spelunkenjenny tut sich dagegen durch ihren anspruchsvollen, kompetent vorgetragenen „Salomon-Song“ hervor.

Markus Huber am Pult des souverän aufspielenden Orchester dirigiert unbeirrt über die szenischen Mängel des Abends hinweg, kann aber trotz der hinreißenden Musik von Kurt Weill der Aufführung nicht über ihre uninspirierte Langeweile hinweghelfen. Freundlicher Beifall. Nicht mehr.