Sie sind die männlichen Stars des Stuttgarter „Glöckner von Notre Dame“-Musicals: David Jakobs und Felix Martin. PZ-Redakteurin Sandra Pfäfflin traf die beiden sympathischen und humorvollen Darsteller zum Interview, bei dem sie Einblicke in die Produktion geben, aber auch über Persönliches plaudern.
PZ: Wie oft haben sie den Glöckner seit Februar schon gespielt? Zählen sie überhaupt mit?
David Jakobs: Ich muss zugeben, das habe ich noch nie getan. Aber Felix zählt doch, oder?
Felix Martin: Ich hatte meine 300. Vorstellung (blättert in seinem Kalender) am 8. April. Ich zähle das gerne und schreibe es auf. Wobei man sagen muss, ich spiele acht Vorstellungen pro Woche, der Kollege sechs. Das müsste man dann runterrechnen.
PZ: Wie schafft man es, auch nach 300 Vorstellungen voll motiviert auf die Bühne zu gehen?
Martin: Das hat etwas mit dem Stück zu tun. Unsere beiden Rollen sind so interessant und vielschichtig, dass man fast jeden Abend neue Facetten an ihnen entdeckt. Gerade der Domprobst macht eine heftige Entwicklung durch – vom Gottesmann zum zerrissenen Menschen, der gar nicht weiß wie ihm geschieht, als er sich in jemanden verliebt, der ihm grundzuwider ist. Es gibt auch Nuancen im eigenen Spiel und im Zusammenspiel mit den Kollegen, beispielsweise wenn die Zweitbesetzung der Esmeralda auf der Bühne steht.
Jacobs: Es ist unsere Aufgabe, die Geschichte jeden Tag frisch zu erzählen, zumal man weiß, dass 99 Prozent der Zuschauer das Stück zum ersten Mal sehen. Wir wollen dem Publikum das bestmögliche Erlebnis bescheren. Das gelingt vielleicht an einem Tag mal nicht ganz so gut, aber wir streben das immer an.
PZ: Wo liegt die Herausforderung in der Rolle des Quasimodo?
Jakobs: Sie ist ein großer Farbkasten, aus dem ich schöpfen kann. Das ist stimmlich nicht ohne, es ist emotional ein großes Reservoir, und es ist eine besondere Körperlichkeit. Anders als in vielen Produktionen ist diese Show sehr auf die Schauspieler konzentriert. Ich habe beispielsweise keine große Maske, sondern ich verziehe mein Gesicht und halte die ganze Zeit die Position der Verkrümmung. Das führt natürlich zu der einen oder anderen Verspannung. Aber vor allem macht die Gratwanderung zwischen Kind und Monster die Rolle sehr speziell.
PZ: Sie haben beide Erfahrungen an Staats- und Stadttheatern. Wo liegt der Unterschied zum täglichen Spiel?
Martin: Das hängt ganz stark vom Team ab, mit dem man arbeitet. Es gibt manche Stadttheater mit hervorragendem Musiktheater-Ensemble, und es gibt Regisseure – das habe ich auch erlebt –, die sagen: „Wir machen jetzt Musical, das finde ich gar nicht gut, und deshalb machen wir alles anders.“ Das Einzige, was dieser Regisseur dann konnte, war die Applausordnung. Wenn wir bei Stage etwas machen, ist natürlich das ganze Theater perfekt auf ein Musical eingestellt. Ich versuche immer, beides zu verbinden. Wenn man jeden Tag spielt, wird man ein bisschen irre. Man braucht Pausen, um sich wieder aufzuladen. Und da kann ein Gastspiel an einem Stadttheater sehr schön sein.
PZ: Sie verlassen im Mai die Produktion? Dauerhaft?
Jakobs: Es ist erst mal nicht geplant, dass ich zurückkehre. Ich habe die Rolle – inklusive Berlin – ein Jahr lang gespielt und freue mich auf andere Projekte. Zuerst bin ich in Nürnberg engagiert und dann bei den Freilichtspielen in Tecklenburg für „Les Miserables“. Darauf freue ich mich sehr.
Martin: Das Stück begleitet uns beide schon seit 1996. David war zwölf Jahre alt und spielte bei der deutschen Erstaufführung in Duisburg den kleinen Gavroche. Ich war damals der rebellische Student Marius. Es gibt sogar ein Youtube-Video, auf dem wir beide zu sehen sind.
PZ: Und welche Rolle spielen Sie jetzt?
Jakobs: Den Enjolras – eine Rolle, die ich immer schon verkörpern wollte. Als kleiner Junge habe ich bereits gesagt: Ich will der Studenten-Anführer sein.
PZ: Wie bereitet man sich vor der Aufführung auf eine Rolle vor?
Martin: Das macht jeder natürlich ganz individuell – sowohl in die Rolle hinein- als auch herausschlüpfen. In Stuttgart gibt es ein schönes gemeinsames Ritual.
Jakobs: Das war eine Idee unseres Regisseurs. Wir stehen mit der ganzen Cast im Kreis – fünf Minuten, ehe die Show startet. Der Abendspielleiter stellt dann die Besetzung vor, damit sich alle auch einmal sehen, bevor es losgeht. Irgendwer wählt dann ein Wort, wir fassen uns überkreuz an den Händen, stampfen dreimal auf und sagen dabei dieses Wort.
Martin: Zum Beispiel: Liebe-Liebe-Liebe. Manchmal ist es auch emotional: Wenn jemand krank ist oder sich verletzt hat, dann sagen wir Glück-Glück-Glück oder Gesundheit-Gesundheit-Gesundheit. Und manchmal sind wir auch ein bisschen kirre und sagen Kabelsalat-Kabelsalat-Kabelsalat.



