nach oben
Am dekadenten Hof des Herodes (Matthias Klink, stehend) wird kräftig gefeiert. Seine Stieftochter Salome (rechts) aber hat blutrünstige Pläne.  Weissbrod
Am dekadenten Hof des Herodes (Matthias Klink, stehend) wird kräftig gefeiert. Seine Stieftochter Salome (rechts) aber hat blutrünstige Pläne. Weissbrod
24.11.2015

Die Oper „Salome“ von Richard Strauss feiert Premiere in Stuttgart

Stuttgart. Ohne Aktualisierung geht es nicht im modernen Theater. Was bisweilen arg bemüht erscheint, wird in der aktuellen „Salome“-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart zum Dreh-und-Angel-Punkt der Regie.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov hat das aufgehitzte Werk von Richard Strauss in die tagesaktuelle Gegenwart versetzt – auf den allgegenwärtigen Leinwänden krabbeln Flüchtlinge unter Stacheldraht hervor, mordet der „Islamische Staat“, und Angela Merkel grinst dazu.

Intensive Bilder verbaut Serebrennikov zu einer Horror-Show, deren Reiz in der mühelosen Eleganz dieser Aktualisierung liegt. Da wird der antike Hof des Herodes, mit seinem schwülen Klima aus Fressgelage und Partnertausch übertragen auf eine westliche Wohlstands-Familie, die sich zum Schlemmen in ihre von Kameras bewachte Trutzburg zurückgezogen hat – aber draußen, da brodelt der Sturm der Zeitenwende. Herodes hält Johannes den Täufer gefangen, der mit seinen schwärmerischen Predigten die in Sinnesfreude erstarrte Welt zum Wanken bringt. Sein Eifer, seine kalte Unnahbarkeit macht ihn anziehend – besonders für Herodes’ Stieftochter Salome. Sie – die von allen Begehrte – wird bei Johannes selbst zur Begierde verführt. Doch darauf will der Prophet nicht eingehen – er steht auf der anderen Seite.

Johannes als IS-Kämpfer

In Serebrennikovs Inszenierung ist diese andere Seite nicht die der heraufbrechenden christlichen Bewegungen. Johannes hat die Religion gewechselt – und erscheint als energischer IS-Kämpfer. Mit eindrucksvoller Stimmpräsenz wird die Rolle von Iain Paterson gesungen – stumm gespielt aber von Yasin el Harrouk. Beschwört Johannes das Endgericht über den dekadenten Hof herauf, marschieren auf den Leinwänden die Henker des IS – ihnen scheint die Zukunft zu gehören. Denn Johannes erweist sich als Sieger – erkauft durch den Blutzoll des Martyriums, das sich durch eine Handlungsverwicklung ergibt. Der Herrscher Herodes begehrt seine Stieftochter Salome. Alles würde er ihr geben; wenn sie doch nur für ihn tanzen würde. Sie tut es, was sie dafür fordert, zeigt sich erst später.

Davor steht ihr Tanz, ein animalisches Aufbäumen des spätromantischen Bombast-Orchesters. Serebrennikov erzählt ihn aus der träumenden Innensicht von Herodes. Sein Hof reißt sich tanzend die Kleider vom Leib, und am Ende tötet er im Traum seine Frau Herodias. Daran denkt Herodes, wenn Salome tanzt. Kaum hat sie aufgehört, wird ihre Forderung klar: Sie will Johannes’ Kopf – und bekommt ihn trotz der rasch aufkeimenden Widerstände auch.

Jetzt zeigt sich der ganze Wahnsinn der zurückgewiesenen Salome, die am toten Kopf die Küsse nachholt, die der lebendige Johannes ihr verweigert hat. Es ist eine ganz in ihren Grundfesten erschütterte Gesellschaft, die im Schrecken Richtung Abgrund treibt – Serebrennikovs Inszenierung ein bitterböser Kommentar auf das Ende der westlichen Kultur, die sich tanzend gefällt auf dem schon brodelnden Vulkan.

Eindrucksvoll ist diese Parabel in Stuttgart auch musikalisch. Simone Schneider gibt eine beeindruckende Salome, lässt die Verrücktheit der Genuss-Göre erschütternd Klang werden. Matthias Klink erweist sich als imposanter Herodes, der stimmlich und gerade schauspielerisch sowohl den kalten Herrscher wie den sklavischen Lüstling zum Leben erweckt. Das Staatsorchester Stuttgart unter Roland Kluttig durchquert die komplexe Opern-Partitur gekonnt – hat aber manchmal Probleme, eine Balance zwischen den dröhnenden Blechbläsern und dem restlichen Klangkörper herzustellen. Mit begeistertem Applaus – besonders für die Inszenierung – geht die Vorstellung zu Ende.