760_0900_117210_LAF_neue_Projekte_01.jpg
Suchen den Diskurs mitten in der Stadt: Theo Gomes (links) und Kevin German laden ein.  Foto: Meyer 

Drei Tage für eine gesellschaftliche Utopie: Neuer Projektraum öffnet am Wochenende in Pforzheim

Pforzheim. Bücher von Camus, Sartre, Watzlawick und Kant liegen aus – die großen Philosophen. Sie könnten als Inspirationsquell dienen. Denn hier, in diesem Raum mitten in der Pforzheimer Fußgängerzone, der als Pop-up-Store und Café diente, zuletzt aber leer stand, wollen die Kreativen des nicht weit entfernten LAF-Projektraums (Leerstand als Freiraum) von Freitag bis Sonntag mit den Pforzheimern in den Dialog treten.

Mit einem Diskurs, der wichtiger denn je erscheint. In Zeiten, in denen die Gesellschaft immer stärker fragmentiert, in denen übergreifende Referenzwerte für alle zunehmend fehlen, weil es – zumindest theoretisch – ein Übermaß an individueller Freiheit gibt, in der jeder seine eigene Lebenswirklichkeit sucht. Und in denen eine globale Pandemie dazu zwingt, über Utopien nachzudenken. Darüber, wie (Stadt-)Gesellschaften künftig zusammenleben wollen.

„Epistemia“ soll ein solcher temporärer Projektraum für sozioökonomische Utopien sein. „Die Idee ist im Rahmen eines Moduls vom ,Master of Design and Future Making‘ entstanden, in dem ich studiere“, sagt Theo Gomes. Mehreren Kommilitonen war es wichtig, im Stadtraum präsent zu sein. Gemeinsam mit Kevin German und Joshua Burghardt konzipierte er den Diskurs. In der dem Umbau geweihten Sparkassen-Immobilie an der Westlichen 1 rückt dieser direkt in die städtische Mitte.

Ausgangspunkt war die Lektüre von „Future Shock“ des Futurologen Alvin Toffler. Er hat in den 1970er-Jahren den Übergang der Gesellschaft ins superindustrielle Zeitalter nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben und fordert einen strukturellen Wandel. Seine Vision für die Zukunft ist eine offene, partizipative Gesellschaft mit unterschiedlichsten Lebenswelten, die nebeneinander existieren können. Wenn es nach ihm ginge, „gäbe es in jeder Stadt offene Utopiewerkstätten, in denen die Bürger sich daran beteiligen können, mögliche Zukünfte zu entwerfen“, so Gomes und German. Sie stellen sich eine Utopie vor, in der gesellschaftliche Partizipation, Spiel und freies Denken einen Wert haben. „Für jede Teilnahme an unseren Experimenten werden wir eine kleine Summe an eine gemeinnützige Sache spenden“, versprechen die Studenten.

Ganz praktisch sollen sich die Gespräche – unter Berücksichtigung der Abstandsregeln – um einen Kubus mitten im Projektraum drehen. Gomes und German leiten Aufgaben und einen Austausch zu unterschiedlichen Themen an– einen Diskurs über öffentliche Räume und was sich die Teilnehmer für diese wünschen. Wie wollen die Leute die Stadt mitgestalten? An welchen Orten in Pforzheim halten sie sich gerne auf und warum? Was wäre, wenn sie Verantwortung für einen Raum bekämen? Es sollen semantische Karten entstehen, in denen die individuellen Worte und Wertvorstellungen eine kollektive, pluralistische Wirklichkeit ergeben.

„Wir laden alle dazu ein, sich an unserer Utopie zu beteiligen“, so die LAF-Macher. Nachdem sie zuletzt statt Ausstellungen eher Flohmärkte und Tanzprojekte veranstalteten und DJs aus der Düsseldorfer und Berliner Szene engagierten, kehren sie nun zurück zu den Wurzeln ihres 2015 gestarteten Projekts; leere Räume nutzen, um in ihnen über die Stadt nachzudenken und mit ihr umzugehen. Im LAF selbst wollen die derzeit zehn Aktiven weitermachen, bis irgendwann der Abriss der Gebäude an der Östlichen droht.

„Epistemia“ startet am Freitag an der Westlichen Karl-Friedrich-Straße 1 um 18 Uhr, am Samstag geht es von 11 bis 20 Uhr, am Sonntag von 11 bis 18 Uhr weiter.

Workshop-Woche zur Stadtwahrnehmung

Wie können wir unsere Stadt auf andere Weise wahrnehmen? Dieser Frage gehen die Macher des LAF-Projektraums in der kommenden Woche mit der Workshop-Woche „PF Re:construct“nach. Sie stellen Methoden vor, sich mit Pforzheim auseinanderzusetzen, sich der Stadt bewusst zu werden, sie zu gestalten und das Bild über sie neu zu ordnen. Der theoretische Hintergrund: Die Wahrnehmung unserer Umwelt ist stets an die geistigen Konstrukte und Sinne gebunden. „Oft übernehmen wir Bilder, ohne sie zu hinterfragen. Diese Ideen konstruieren unsere geistige Welt. Die Frage ist: Wollen wir bestehende Strukturen weiter reproduzieren oder wollen wir neue Konstrukte aufbauen?“ Pforzheim sei in diesem Sinne bereits eine re-konstruierte Stadt. „Viele scheinen aber unter einem Stadttrauma zu leiden, da sie nach dem Wiederaufbau nie zu alter Blüte zurückgekehrte“, beobachtet Theo Gomes. Obgleich viele Besucher überrascht seien, wie viel interessante Kultur und Gemeinschaft es hier gibt. „Somit sind wir bereits dabei, die Stadt wieder aufzubauen.“ Das Programm der Workshop- Woche: (Start jeweils um 15.30 Uhr im LAF-Raum an der Östlichen 7, Vorkenntnisse sind nicht nötig):

Montag: Kartografie der Leerstände über Fotos, ab 19 Uhr: Vortrag von Professor Gerhard Buurman übers Spazierengehen.

Dienstag: Foto-Stadtlauf „past-present“, eine Art Schnitzeljagd anhand von Bildern der Stadt vor ihrer Kriegszerstörung.

Mittwoch: „Embodied Virtual“. Mit einer 3D-Brille und Sticks wird die Bewegung von Körpern in dreidimensionale Modelle übersetzt. Ein Balletttänzer wird vorher eine Übung zum Körpergefühl anleiten.

Donnerstag: Mit psychogeografischen Skulpturen soll eine Topografie der Stadt entstehen. Ab 19 Uhr spricht Robert Eikmeyerüber das Projekt „A Fair Land“ auf dem Waisenhausplatz.

Freitag: „PF-Soundscapes“. Die Teilnehmer sollen mit ihren Smartphones Klänge und Geräusche der Stadt aufnehmen, eine Soundkarte erstellen und das Erlebte, ihre Eindrücke reflektieren.

Michael Müller

Michael Müller

Zur Autorenseite