Pforzheim. Echte Urgesteine der Pforzheimer Punk-Szene geben sich beim Konzert am Samstagabend in Brötzingen die Ehre: Gitarrist Thomas Schmerda und Bassist Michael „Wuschl“ Wurster waren im Mai 1976 dabei, als sich die Band Joe Kurt gründete und für Klänge öffnete, die bis dato kaum bekannt waren.
Niefern wurde in der Region so etwas die Keimzelle des Punk, mit Einflüssen aus der härteren Beat-Musik der 1960er-Jahre und dem Garage Rock des berühmten „Nuggets“-Samplers (1972), den viele als maßgeblich für die Entwicklung des Punk betrachten.
Es war eine Zeit, in der eine Szene noch nicht vorhanden war, bevor junge Leute mit Irokesen-Frisur und „Klamotten von der Stange“ die Bewegung zur Mode erklärten. Einen Umbruch markiert für Thomas Schmerda der Dezember 1980. „Wir trafen uns immer freitags im ,domicile’. Da kam ein Typ – alle nannten ihn den Hamburger – und zog sich am Tisch eine Sicherheitsnadel durch die Wange. Da war uns klar: Unsere Zeit ist jetzt vorbei.“ War sie nicht. 1979 benannte sich Joe Kurt in Moloko Plus um (inspiriert durch ein Getränk in dem Film „Uhrwerk Orange“) und 1981 in Deutsch Nepal (ein Titel von Amon Düül II). „Das war der Unterschied zwischen uns und anderen Bands: Wir änderten immer unseren Namen“, erinnert er sich. Bis Ende der 1980er-Jahre gab es diverse Projekte. Dann war Pause.
Proben im Hobbykeller
Erst 2001 gab es eine Moloko-Plus-Reunion, seit 2004 spielt Deutsch Nepal wieder, mit Steffen Bähr am Schlagzeug. Der 40-Jährige ist heute das Küken der Combo. „Unser Sound ist etwas ruhiger, nicht mehr so rau wie früher“, sagt er. 2017 stieß Keyboarder Thomas Augenstein dazu. „Ich wundere mich, warum das damals so ein Aufruhr um die Musik war“, denkt auch er.
Nachdem die Band ab 2012 keinen Proberaum mehr hatte und zeitweise auf Gartenhütten ausweichen musste, wird jetzt in Augensteins Hobbykeller in Kieselbronn geübt. Dort proben die Musiker für den Auftritt am Samstag – und das klingt nach Beatpunk mit Wave-Einflüssen. Einen Mix aus Altem und Neuem soll es geben. Gesungen wird deutsch. „Es geht entweder um Esoterik, Alfred Hitchcock oder Luis Buñuel“, sagt Komponist Schmerda. Nachdem die Band jüngst ein 2006 aufgenommenes Album neu veröffentlicht hat – wie einige andere Schmankerl des Pforzheimer Punk ist es bei City Music Voigt erhältlich – soll es bald ein neues geben. „Genug Material ist vorhanden“, so Schmerda. Ihn und „Wuschl“ Wurster hat beim Punk schon immer mehr die Musik interessiert. Als Teil von Protest und Auflehnung haben sie sich nie gesehen.
Ob sich die Musiker nicht zu betagt fühlen? „Es gibt keine Altersbeschränkung für Punk“, ist Schmerda (63) überzeugt. Wurster, der auch bei der Pforzheimer Band Lennons spielt (siehe Kasten), sieht das ähnlich: „Ich habe immer gesagt, ich bin erst erwachsen, wenn ich in Rente gehe. Jetzt bin ich 61. Es wird langsam knapp.“ Und: „Wenn du einmal auf der Bühne gestanden bist, kannst du nicht mehr davon lassen.“
Seit 1981 ohne Unterbrechung am Start und seit über 20 Jahren in der derzeitigen Besetzung agiert die Punkband Lennons. Im Frühjahr kommt eine limitierte farbige Vinyl-LP mit alten Demos aus den frühen 1980er-Jahren auf den Markt. „Diese finalisieren wir im Moment“, sagt Frontmann Michael Hermann. Die Band arbeitet zudem an neuen Nummern. „Es werden, wie immer, Songs aus den verschiedensten Bereichen vertreten sein: Horror, Liebe, ein wenig Politik.“ Vom Sound her werde es wenig Experimente geben. Die Platte soll gegen Ende des Jahres auf Vinyl erscheinen. „CDs wird es keine mehr geben, da die letzte Veröffentlichung nur noch selber gebrannt und schlecht verkauft wurde“, sagt er. Auftritte sind in Freiburg, Chemnitz, Berlin und Holland geplant. „Ein paar Pforzheim-Gigs und Unplugged-Konzerte wird es natürlich auch geben“, verspricht Hermann. Er stellt fest, dass das Interesse an dieser Musik wieder wächst: „Die Zeit ist reif für gewachsenen, traditionellen Punk.“ Auch die einst im Biet gegründeten Magi Razzo sind wieder aktiv und planen als White Sands für Ende März einen Auftritt in der „Rumpelkammer“.


