nach oben
Die am Projekt beteiligten Matthias Lüben, Stefan Pflüger, Thomas Olze, Iris Caren von Württemberg, Oberbürgermeister Peter Boch und Almut Benkert, Fachbereichsleiterin Kreativwirtschaft (von links) in der alten Männerschwimmhalle. Fotos: Raumgang (Screenshots)
03.05.2019

Eintauchen in die Kunstwelt - „Stattbad“ ermöglicht 360-Grad-Rundgang durch Ausstellung

Pforzheim. Mit einer rein virtuell zu sehenden Ausstellung will Matthias Lüben Pionierarbeit für Pforzheim leisten. „Mein Gedanke war es, ein Gebäude, das nicht mehr genutzt werden kann, zumindest digital wieder öffentlich zugänglich zu machen, und gleichzeitig Künstlern die Möglichkeit zu geben, sich auf besondere Art im Internet zu präsentieren“, sagt der Initiator. Mit seiner im EMMA-Kreativzentrum ansässigen Firma Raumgang erstellt er durch 3D-Scans unter anderem virtuelle 360-Grad-Rundgänge von historischen Gebäuden.

In diesem Falle die alte Männerschwimmhalle des ehemaligen Emma-Jaeger-Bads, die die Stadt 2011 wegen statischer Probleme schließen musste. Das Projekt „Stattbad“ ermöglicht es, digital in das schöne Jugendstilgebäude aus dem Jahr 1911 und die ausgestellten Werke einzutauchen. Präsentiert wird dies bei einer Vernissage am Sonntag, 12. Mai, auf dem „Alfons & EMMA“-Quartiersfest. Erst danach ist die Schau online zu sehen (www.stattbad.digital) und soll auch über eine Verlinkung auf Google Maps auffindbar sein.

Nach der Genehmigung des Projekts Anfang des Jahres lud Lüben Thomas Olze ein, weitere Pforzheimer Künstler für das Projekt zu begeistern. Eine vor allem zeitlich sportliche Aufgabe. In einem realen Raum eine Ausstellung zu konzipieren, die aber nur virtuell zugänglich ist – gerade dieser Widerspruch habe ihn besonders gereizt. Diese Ambiguität, das Uneindeutige in einer komplexer werdenden Welt hat Olze unter dem Titel „Betrachtung und Widerstreit“ aufgegriffen, inspiriert durch ein Essay des Islamwissenschaftlers Thomas Bauer.

„In den gezeigten Arbeiten stehen jeweils Spannungen unterschiedlichster Sichtweisen zur Verhandlung“, sagt Olze. Beispielsweise ergeben expressiver Malgestus und konstruktivistische Bildelemente, konkrete Inhalte und deren Auflösung ein mehrschichtiges, bildnerisches Ganzes.

Zwei Künstler stellen Fotografien aus, die gut korrespondieren. Stefan Pflüger zeigt durch feinmaschige Netze analog hergestellte Porträts, die derart verzerrt sind, dass die Menschen sich aufzulösen scheinen. So entstehen Momente des Vagen, die zeigen, dass Identitäten veränderliche Konstrukte sind. Iris Caren von Württembergs abstrakte Fotokunst ist von heute um 20 Uhr an auch in der Galerie Brötzinger Art zu sehen (die PZ berichtete).

Weitere Künstler stellen malerische Positionen gegenüber. Alfred Müllers Großformate aus der Serie „Colour is Kitsch“ sind im ehemaligen Schwimmbecken zu entdecken. Der Künstler arbeitet mit mehreren Bildräumen und Schriften, die er überdeckt, samt Verweisen zur Pop-Art mit Silberfarbe übersprüht und so ins Uneindeutige führt. In verwandter Herangehensweise präsentiert Olze mehrschichtige Arbeiten. Exakt aufgetragene Gitterstrukturen hat er als Grundgerüst auf die Leinwand gebracht, mit grobem Duktus auf expressive Weise übermalt und diese Schichtung mit einer monochromen Lackschicht gebändigt – in einem Widerstreit von Intellekt und Emotion.

Boch unterstützt Fortsetzung

Oberbürgermeister Peter Boch hat sich gestern die VR-Brille aufgesetzt, durch die Halle bewegt und entlang der Umkleidekabinen ums Becken herum auf Entdeckungsreise begeben, die Arbeiten und Infos zu den Künstlern angeklickt. „Grandios“, sagt er begeistert. Derlei Projekte seien zwingend notwendig in einer Stadt, die sich etwas einfallen lassen müsse, um solche Räume zugänglich zu machen. Das Stattbad sei ein Alleinstellungsmerkmal Pforzheims. Er hoffe, dass in Zukunft weitere virtuelle Aktionen dort realisiert werden. Die Chancen stehen gut. Almut Benkert, Leiterin des EMMA-Kreativzentrums, hat einige Ideen gesammelt, etwa Modenschauen und Design-Ausstellungen