Die eine möchte ein Jahr lang durchschlafen und sich von der Außenwelt abkapseln, die andere verspeist aus Rache und Wut männliche Augen und in «Die Vegetarierin» von Literaturnobelpreisträgerin Han Kang verzichtet die Protagonistin erst auf Fleisch und will schließlich als Pflanze leben.
Diese Geschichten klingen zunächst etwas ungewöhnlich, grotesk oder radikal. Doch sie haben etwas gemeinsam: Ihre Heldinnen brechen allgemein gesagt mit gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen. Gerade deshalb sind sie für ein Label attraktiv, das in den sozialen Medien wie TikTok und Instagram seit einer Weile kursiert: «Weird Girl Fiction».
Was «Weird» meint
Was ist damit genau gemeint? Und macht es weibliche Figuren jenseits gesellschaftlicher Normen sichtbarer - oder steckt es sie nur in eine neue Schublade? Das englische Wort «weird» bedeutet so viel wie «seltsam» oder «merkwürdig». Neu dabei ist aber weniger die Literatur, die Lesefans bei TikTok etwa unter den Hashtags «Booktok» und «Weird Girl Fiction» teilen, als das Etikett dafür.
Verlage und die Branche haben das Phänomen bereits entdeckt. Die Buchhandelsfiliale Hugendubel zum Beispiel stellt online eine Liste mit dem Titel «10 Weird Girl Fiction-Romane, die wir feiern» zusammen. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch bringt unter seiner Verlagsmarke kiwi space jetzt den Roman «Molka» von Monika Kim heraus, der auch zur «Weird Girl Fiction» passe. Die Protagonistin geht hier auf einen Rachefeldzug gegen einen Voyeur auf einer Damentoilette.
Große Bandbreite an «Weird Girl»-Büchern
Autorin Kim hatte bereits mit «Das Beste sind die Augen» einen Horrorroman über eine junge Frau geschrieben, die eine blutige Obsession für männliche Augen entwickelt, nachdem der neue Freund ihrer Mutter asiatische Frauen fetischisiert. Ständig träumt sie davon, wie seine blauen Augen wohl schmecken würden und wird immer radikaler.
Das ursprünglich 2024 erschienene Buch wird gerne in Texten und Videos zur «Weird Girl»-Sammlung gezählt, ähnlich wie «Die Vegetarierin» (2007) von Han Kang, Mona Awads «Bunny» (2019) oder «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung» (2018) von Ottessa Moshfegh über eine Frau, die mithilfe von Tabletten in eine Art Winterschlaf geht.

Neben Neuerscheinungen werden also auch ältere Bücher unter dem Schlagwort wiederentdeckt. Online tauschen sich Fans darüber aus, was «Weird Girl Fiction» eigentlich ausmacht. Die «Süddeutsche Zeitung» sieht den Kern in der Abkehr von der Realität und im Eintauchen in eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Die Protagonistinnen verweigerten etwa ihnen zugewiesene Rollen, stellten althergebrachte Normen infrage und wirkten deshalb für den Leser erst mal «weird».
Aus Sicht von der kiwi space-Programmleiterin Mona Lang handelt es sich noch um einen recht neuen Begriff der vergangenen zwei, drei Jahre. Das bedeute nicht, dass es solche Bücher nicht auch schon vorher gegeben habe, aber sie tauchten nun vermehrt auf. Sei die «Weird Girl Fiction» 2023 und 2024 in Deutschland noch recht nischig gewesen, habe sie sich seit etwa einem Jahr zu einem ziemlich eingeführten Begriff gewandelt.
Wie sich «Weird» in Trends wie den «Brat»-Sommer einreiht
Dies sei auch durch Popkulturtrends wie den «Brat»-Sommer von Sängerin Charli XCX vor zwei Jahren befeuert worden. «Brat» bedeutet so viel wie «Göre». Mit dem Hype um ihr gleichnamiges Album trug die Künstlerin damals dazu bei, das negativ besetzte Wort umzudeuten. Die Idee dahinter: Machen, was man will, egal, was andere denken.
Solch ein Vorgang wird auch als «Reclaiming» bezeichnet. Das bedeutet hier so viel wie einen beleidigenden Begriff umzudeuten und zur Selbstbeschreibung zu nutzen, um ihn gewissermaßen zu entwaffnen; ähnlich wie bei dem Begriff «Fotze», den Rapperinnen wie Ikkimel oder Shirin David als Form von Selbstermächtigung in ihren Songs aufgreifen.
Auch «Weird» könne man als eine solche Aneignung verstehen, findet Lang. Die Lektorin sieht darin eine Gegenbewegung etwa zu klassischen «Boy meets girl»-Erzählungen. In vielen Rom-Coms und Romance-Büchern gehe es noch immer oft um die Frage, wie ein Mann das Leben einer Frau besser machen könne. Die «Weird Girl Fiction» sprenge diese konservative Sicht auf die Welt und richte den Blick auf eine Weiblichkeit, die mehr sein dürfe als nur auf den Mann bezogen, findet sie.
Programmleiterin: Figuren leben Motive wie Wut und Rache aus
Dahinter liegt aus ihrer Sicht aber auch ein tiefer Wunsch von jungen Frauen, «echt sein zu dürfen mit all dem, was sie fühlen. Dass sie sich schlecht fühlen, manchmal hässlich fühlen, dass sie keinen Bock haben auf Erwartungen der Gesellschaft, die auf sie einprasseln». Diese Haltung zeige sich an den Figuren in den Büchern. Sie lebten Motive wie Wut und Rache ziemlich deutlich aus, sagt Lang.
«Es geht bei der Weird Girl Fiction auch viel darum, gegen das weibliche Klischee zu arbeiten, seltsam sein zu dürfen, nicht konsistent sein zu dürfen, nicht brav, nicht angepasst». Die Bandbreite reiche bis hin zu weiblichen Figuren, die sexuell überbordend oder gar überbordend in Bezug auf Gewaltfantasien seien. «Also all das, was männliche Protagonisten in der Kunst schon immer durften, haben sich die Frauen jetzt sozusagen geholt».
Ein unguter Beigeschmack?
Apropos männliche Protagonisten: «Die Zeit» betont in einem Text über das Phänomen, dass es «Sonderlinge» in der Literatur schon lange gibt - zum Beispiel in Patrick Süskinds «Das Parfum» oder in Frank Kafkas Erzählungen. «Nur käme da kaum jemand auf die Idee, von »Weird Boys« zu sprechen». Die Wochenzeitung fragt, ob das «Weirde» nicht einfach ein Teil einer Erzählung ist, in der es eigentlich um etwas anderes geht.
Oft sei es ein Umgang mit psychischen Abgründen, der verhandelt werde. «Dass die entsprechenden Protagonistinnen »Weird Girls« genannt werden, hat durchaus einen unguten, stigmatisierenden Beigeschmack», heißt es. Befeuert es also doch Stereotype?
Lang hält das Label nur für förderlich, wenn man verstehe, dass es sich bewusst angeeignet wurde. «An sich ist der Begriff "weird" oder "seltsam" natürlich falsch, aber durch das Reclaiming - ein bisschen vergleichbar mit "fotzig" - passt es wieder. Frauen stülpen sich diesen Begriff über, um zu sagen: Es ist doch auch etwas Normales, wir sind doch alle super weird. Jeder ist doch weird auf seine Art und warum dürfen wir das nicht ausleben?»
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