760_0900_100422_PF_Schwarzwaldmusikfestival_5_k.jpg
Die menschgewordene Rhythmusmaschine: Robeat, amtierender Europameister im Beatboxen, macht Musik mit dem Mund. Schon 2016 riss er Pforzheim bei der Nacht der Emotionen mit. Foto: Tilo Keller
760_0900_100423_PF_Schwarzwaldmusikfestival_1_k.jpg
Entfachten ein mitreißendes Crossover-Feuerwerk: das Südwestdeutsche Kammerorchester unter der Leitung von Mark Mast mit dem Violinen-Duo Marie-Luise und Christoph Dingler (Twiolins). Foto: Tilo Keller

Explosiver Mix aus Klassik, Minimal Music und Beatbox beim Konzert der Schwarzwald Musikfestivals

Pforzheim. Ein Dirigent, der den Solisten per Faustcheck grüßt, ein Publikum, das wie auf einem Hip-Hop-Konzert mit dem Arm auf und nieder winkt und das Konzert am Ende stehend mit minutenlangen Jubel- und Bravo-Rufen feiert – diese Szenen haben sich vor den Augen des Südwestdeutschen Kammerorchesters (SWDKO) am Sonntagabend im Kulturhaus Osterfeld abgespielt.

Zu Gast war Mark Mast mit der vorletzten von 15 Veranstaltungen an 15 verschiedenen Orten im Rahmen des Schwarzwald Musikfestivals (in Medienpartnerschaft mit der „Pforzheimer Zeitung“). Mit dem Programm „Beatfire“ hat der künstlerische Leiter und Dirigent einen mutigen, explosiven Mix aus Klassik, Minimal Music und Beatbox mit herausragenden Solisten zusammengestellt. Das Mannheimer Violinen-Duo The Twiolins, Marie-Luise und Christoph Dingler, hat sich der „progressive classical music“ verschrieben. Und Robert Wolf alias Robeat, Europameister im Beatboxen, macht Musik mit dem Mund.

PF_Schwarzwaldmusikfestival_6_k
Bildergalerie

Explosiver Mix beim Konzert der Schwarzwald Musikfestivals

Startschuss ist eines der großen kammermusikalischen Standardwerke: Johann Sebastian Bachs berühmtes Doppelkonzert für zwei Violinen d-moll, in dessen kontrapunktisch gestricktem Concerto grosso die Twiolins immer wieder um die Wette konzertieren, historisch bestens informiert begleitet vom SWDKO, das den langsamen zweiten Satz voller Leidenschaft und Empfindung spielt.

Dann der Solo-Auftritt von Robeat. Ob Vogelgezwitscher, stotternder Motor oder stapfende Schritte – mit Mund, Nase und Kehlkopf schafft der Künstler komplexe Töne und Geräusche. Das Beatboxen hat er zu einer eigenen Kunstform erhoben. Bassdrum, Hi-Hat, Snare und Bassline: Bringt er alles zusammen, entsteht ein echtes Rhythmusgewitter. Dank eindrucksvoller Atemtechnik ist er zudem in der Lage, eine Melodie darüberzulegen, so- dass man glaubt, da steht eine komplette Band auf der Bühne. Mit dem Talent eines Comedians interpretiert er die Melodie des alten Gameboy-Spiels Tetris in diversen Versionen, mit Balkan Beat, Hip-Hop-Scratchen oder im Walzertakt. Unfassbar! Der Funke springt sofort über. Etwa 250 Gäste klatschen und winken mit.

Das Stück „Beatfire“ hat Jürgen Christ, Professor an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, speziell für Beatboxer und Orchester komponiert. „Vor zwölf Jahren für eine Benefiz-Veranstaltung für Schüler“, wie er in einer Einführung sagt. Mit seinem dynamischen Intro, der klaren, rhythmischen Tempostruktur und den großen Melodiebögen rockt das Kammerorchester, die Musiker haben ordentlich zu tun. Robeat, der oft aus dem Moment heraus performt und viel improvisiert, muss sich nun gleichzeitig ans Regelwerk der Partitur halten und aufs Orchester hören: punktgenaues Timing im Einsatz, synchrone Rhythmik und Interaktion mit Dirigent Mark Mast.

Nach der Pause spielen die Twiolins mit Robeat drei kurze Werke der modernen Klassik: den „Waltz diabolique“ (Edmund Joliffe), Trance No. 1 (Benjamin Heim) und Jongleurs (Evelina Nowicka) samt schwindelerregend flottem Finale. Die Zuhörer genießen das zweite Stück teils mit geschlossenen Augen. Musik fürs Kino im Kopf: Die Twiolins erzeugen mit innovativer Klangsprache und schöner Harmonik Stimmungen und innere Bilder zu Robeats sanft pluckerndem Beat. Betörende Geigenklänge, veredelt durch kraftvolle Rhythmen – was geradezu organisch zusammenpasst.

Unter Masts passioniertem Dirigat spielt das SWDKO dann eines der schönsten, aber selten aufgeführten Werke von Jean Sibelius, die Romanze in C-Dur. Eine große Sinfonie voller Herzenskraft und nordisch-melancholischer Note, bei der das Kammerorchester mit romantischer Klangsprache und sinfonischer Expertise überzeugt. „Pforzheim sollte stolz sein auf diesen Klangkörper“, lobt Mast.

Den großartigen Schlusspunkt setzt der dreisätzige, sinfonische Hit „Palladio“ (1996) des einstigen Rockmusikers Karl Jenkins, der in dem Concerto grosso den harmonischen Proportionen und der Mathematik des Renaissance-Architekten huldigt. Mast hat das Werk mit einer Fassung für Robeat arrangiert, „eine Welturaufführung“. Im Allegretto arbeitet der Mundakrobat sanft den Rhythmus des Stücks heraus. Das kontemplative, getragene Largo überlässt er dem SWDKO. Im dritten Satz (Vivace) lässt Robeat seinen Kehlkopf pulsieren und gestaltet einen galoppierenden Rhythmus.

Die Gäste sind nach gut zwei Stunden restlos begeistert von den neuen Klangwelten. Zur Abkühlung gibt’s als Zugabe den „Winter“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und den fröhlichen „Morrison’s Jig“ von Aleksey Igudesman. Mit diesem generations- und stilübergreifenden Mix macht Klassik großen Spaß.