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Unter dem Licht der Schreibtischlampen: Philipp Mosetter (links) trinkt Wein, Michael Quast, wie im Theater üblich, nur Wasser. 

Faust-Kabarett: Tiefe Einblicke in Goethes Tragödie

Pforzheim. Die Szene könnte dem Theateralltag entnommen sein. Schauspieler lesen ein neues Stück mit verteilten Rollen, der Regisseur gibt erste Anweisungen, wie er sich das Ganze auf der Bühne vorstellt.

Im Kulturhaus Osterfeld sind die Schauspieler allerdings in der Person von Michael Quast zusammengefasst, und der Regisseur ist Philipp Mosetter. Goethes Faust I ist für die beiden nicht neu, sie haben die kommentierte Darbietung bereits 1999 erarbeitet, sie hat aber nichts von ihrem intellektuellen Erheiterungspotenzial verloren.

Es geht darum, die komplexe Tragödie auf der minimalistisch ausgestatteten Bühne rein mit den Mitteln von Sprache, Mimik und spitzfindiger Analyse und Interpretation unterhaltsam, humorvoll – und durchaus lehrreich – aufzuarbeiten.

Michael Quast ist der Meister der beweglichen Sprachgestaltung, der den anspruchsvollen Anweisungen seines Regisseurs geschmeidig, wenn auch manchmal mit Kopfschütteln zu folgen versteht. So ersteht der alte Faust als zahnloser Greis auf der Bühne, die kupplerische Frau Marthe sieht man förmlich um die Männer herumschwänzeln. Der schillernde Mephisto sprengt etwas den Rahmen: Ihm hat das Duo deshalb ein Requisit in Form einer Handpuppe zugestanden. Das vertrauensselige Gretchen hat infolge der dramatischen Verwicklungen den Blues, den Michael Quast als Begleitgesang gestaltet. Die Begeisterung in dem – leider überschaubaren, aber aufmerksamen – Publikum kennt keine Grenzen, spontaner Szenenapplaus ist angesagt.

Ja, und dann Philipp Mosetter als Regisseur mit staubtrockenem, fein nuanciertem Humor. Er setzt die spitze Feder an und dringt zum Kern der Textaussagen vor, etwa dass Goethe die Quantenphysik vorweggenommen und sogar verstanden hat („… dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“) und entdeckt auch Beispiele für die Anwendung der Heisenberg’schen Unschärferelation. Extensive Interpretationen von Goethes Werk, Leben und Leib samt Lustangst und Verdauungsbeschwerden führt er ad absurdum. Die Walpurgisnacht wird effektvoll mit den Paralipomena ergänzt. Und muntere Exkurse über erste Liebe und Papierflieger bringen dann doch noch einen Hauch von Comedy ins literarische Kabarett.