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Florian Erdl ist der kommisarische Generalmusikdirektor in Pforzheim. Foto: Moritz

Florian Erdl am Theater Pforzheim: Wie tickt der neue Generalmusikdirektor?

Pforzheim. Der Zeitpunkt der Nachricht hat ihn überrascht. „Ich war erstaunt, dass dies jetzt zum Saisonende kam“, sagt Florian Erdl. Intendant Thomas Münstermann hatte ihn darüber informiert, dass Generalmusikdirektor Markus Huber das Theater verlassen wird.

„Aber grundsätzlich bin ich auf solche Entscheidungen gefasst. In der Position als Erster Kapellmeister muss man stets für alle Aufgaben bereit sein“, sagt Erdl. Mit Beginn der kommenden Spielzeit 2019/2020 übernimmt er am Theater Pforzheim bis auf weiteres alle Geschäfte und Aufgaben der Leitung der Badischen Philharmonie als kommissarischer Generalmusikdirektor (GMD). Er freue sich auf die Herausforderung.

Sopran im Tölzer Knabenchor

Erdl war, wie Huber, Sopran-Solist beim Tölzer Knabenchor. Neben Violin- und Klavierunterricht erhielt Erdl seit dem sechsten Lebensjahr Stimmausbildung bei Gerhard Schmidt-Gaden. Bis zum Alter von knapp 13 Jahren sang er zahlreiche Solorollen an großen Opernhäusern und Philharmonien, aber auch bei den Salzburger Festspielen. CD-Einspielungen, Zusammenarbeit mit berühmten Dirigenten wie Claudio Abbado, Michael Gielen und Georg Solti: Schon als Kind konnte Erdl tief in die künstlerische Erwachsenenwelt eintauchen: Nach Abendproben oder Aufführungen noch mit Solisten Essen gehen, viele Flüge, 5-Sterne-Hotels, befreit von der Schule – all das habe er damals als große Freiheit empfunden, als Abenteuer. „Trotz des Drills, der dahintersteckte“, erinnert sich Erdl. Natürlich habe er auch mal Angst gehabt oder Stress empfunden, aber es gab keine körperlichen Züchtigungen. „Ans Aufhören habe ich nie gedacht. Mir war klar: Wer Leistung erbringt, bekommt interessante Rollen an den großen Opernhäusern.“

Dass Erdl diese Härte auch in Pforzheim etabliert, müssen Orchester, Sänger und Chor indes nicht fürchten. „Ich will versuchen, die Leute über Motivation zu erreichen, und über das Erklären von Intentionen.“

Generell liegen ihm heutige und musikalisch durchdachte Interpretationen am Herzen. „Wir müssen wieder vom Werk ausgehen, nicht von den Traditionen der Werke, nicht, wenn sich hinter dem Begriff Traditionen pure Gewohnheit versteckt und damit Trägheit oder Unvermögen, Dinge zu hinterfragen.“ Das heiße nicht, dass er sich nicht mit der Rezeptionsgeschichte befassen müsse.

Überall von Klängen umgeben

Doch haben sich die Hörgewohnheiten ständig verändert, von Palestrina bis Beethoven, bis Wagner, bis zur Wiener Schule, bis heute. „Wir sind im Laufe der Zeit nicht nur im Alltag an eine sich stets steigende Geschwindigkeit gewöhnt worden. Musik ist zudem omnipräsent, überall werden wir mit Musik, Geräuschen und Klanginstallationen beschallt. Das verändert doch jede Art von Interpretation und Ästhetik. Auch Pop- und Filmmusik tragen zu dieser Veränderung bei“, erklärt Erdl.

Hätte er die Möglichkeit, eine Spielzeit selbst zu gestalten, würde er auch moderne Klassik integrieren, bekannte, gern gehörte Stücke mit eher unbekannten verbinden, auch mal einen zu Unrecht vergessenen Komponisten vorstellen. Doch das bevorstehende Programm wurde bereits vor dem GMD-Wechsel geplant.

„Ich bin da kommende Saison eher Vollstrecker als Planer“, so Erdl. Ideen will er dennoch einbringen: So könne er sich vorstellen, die Mitglieder des „acht+“-Jugendclubs nicht nur zum Zuhören ins Theater zu holen, sondern zum Dirigieren. Auch die Tradition der Einführungen wolle er fortführen und Werke erklären mit Wissen, das die Zuhörer weiterbringt, mit dem sie einen Zugang zum Dargebotenen finden können.

Als kommissarischer Generalmusikdirektor wird Erdl bis Jahresende das erste Kinderkonzert dirigieren, die musikalische Leitung von „Rigoletto“ und „Die verkaufte Braut“ übernehmen, sowie nach jetzigem Stand der Dinge das erste und zweite Sinfoniekonzert leiten, bei dem zum Beispiel Bruckners 5. Symphonie auf dem Programm steht. Auch da wolle er das Notenmaterial sichten und Erwartungen hinterfragen. Natürlich gebe es tolle Aufnahmen großer Dirigenten. „Auch wenn das in den 1960er- oder 90er-Jahren seine Berechtigung hatte, möchte ich versuchen, mit dem Denken darüber noch mal von vorne zu beginnen“, sagt der 38-Jährige.

Sich selbst wolle er als Dirigent nicht in den Mittelpunkt stellen. „Ich bin kein Selbstdarsteller“, sagt Erdl, der in Brötzingen wohnt, zur Arbeit radelt und zur Entspannung Jazz mag. „Obwohl ich privat wenig Musik höre, meine Ohren müssen sich auch mal entspannen.“In der Region schätzt er den Erholungswert im Schwarzwald, das gute Essen und die Nähe zu Frankreich. „Ich liebe Städte an Flüssen“, sagt er mit Blick auf Pforzheim, wo er seit 2017 lebt.

Mut und Aufrichtigkeit seien ihm für die Arbeit besonders wichtig. Dabei wolle er die Reaktionen des Orchesters und des Publikums im Blick behalten. „Ich behaupte nicht, dass ich Recht habe.“ Er fordere aber für die Musik dieselbe Modernität, wie sie beispielsweise im Regietheater schon lange etabliert worden sei. „Auch in der Philosophie werden historische Theorien auf Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Anwendung im Heute überprüft, in den Naturwissenschaften findet ein solcher Prozess ohnehin statt. Diesen Fortschritt muss es auch in der Musik geben.“ Er wolle die Leute neugierig machen. „Das Publikum hat ein Recht darauf, Musik heutig zu hören.“

Florian Erdl: Der am 7. Juli 1981 geborene Münchner ist seit 2017 Erster Kapellmeister am Theater Pforzheim und war zuvor Kapellmeister an der Oper Graz und Erster Kapellmeister am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg. Seit 2017 war Erdl mehrfach musikalischer Assistent von Sebastian Weigle an der Oper Frankfurt, an der er Mozarts „Die Zauberflöte“ und Schrekers „Der ferne Klang“ dirigierte. Zudem brachten ihn Konzerte zuletzt mit der Philharmonie Merck, dem Sønderjyllands Symfoniorkester und dem Landesjugendorchester Hessen zusammen. Florian Erdl betrieb neben dem Doppelstudium Orchesterdirigieren und Musiktheorie Studien in Philosophie, Musikwissenschaft und Regie.

Michael Müller

Michael Müller

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