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Hielt einen anregenden Vortrag: Dr. Matthias Dall’Asta.  Foto: PZ-Archiv 

Forscher Matthias Dall’Asta referierte zu „Johannes Reuchlin und der junge Melanchthon“

Bretten. Johannes Reuchlin (1455-1522) und der aus Bretten stammende Philipp Melanchthon (1497-1560) sind in Pforzheim durch Denkmäler und als Namensgeber von Institutionen und Örtlichkeiten allgegenwärtig. Im benachbarten Bretten, das sich stolz Melanchthonstadt nennt, begegnet man dem Namen Reuchlin selten. Auch ist nicht gesichert, ob sich der berühmte Pforzheimer Gelehrte je im ehemalig pfälzischen Oberamtsstädtchen aufgehalten hat. Melanchthon dagegen bezeichnete seinen Pforzheimer Aufenthalt, gerade auch wegen seiner intensiven persönlichen Beziehung zu Reuchlin, als „goldene Zeit“.

Diese Beziehung und die wesentlich von Melanchthon mitgeprägten „Reuchlin-Narrative der folgenden Jahrhunderte“ standen im Zentrum des überaus anregenden, auch von vielen Pforzheimern besuchten Vortrags, den der Theologe und Philologe Matthias Dall’Asta am Sonntag im Rahmen des Jubiläumsprogramms zum 500. Todesjahr mit dem Titel „Johannes Reuchlin und der junge Melanchthon“ im Brettener Melanchthon-Haus gehalten hat.

Zunächst ging Dall’Asta ausführlich auf das Thema „Melanchthon in Pforzheim“ ein. 1508 starben Philipps Großvater und sein Vater. Der Knabe wurde bei Elisabeth Reuchlin, einer wohl mit Melanchthons Familie verschwägerten Schwester des Humanisten, in Obhut gegeben. Vor allem aber sollte der Halbwaise die vorzügliche Pforzheimer Lateinschule besuchen. Reuchlin nahm regen Anteil an der Entwicklung des hochbegabten Gastes seiner Schwester und schenkte ihm am 15. März 1509 eine griechische Grammatik mit einer Widmung, worin der Humanisten-Name „Melanchthon“, die von Reuchlin vorgenommene Übertragung von Philipps Familiennamen „Schwartzerdt“ ins Griechische, zum ersten Mal erscheint. Diese „Humanisten-Taufe“ war, so Dall’Asta im Vortrag, „gleichsam eine zweite Geburt Philipp Melanchthons als künftiger Gelehrter.“ Ein leider im Zweiten Weltkrieg zerstörtes Glasfenster-Bild im alten Pforzheimer Ratssaal zeigte Melanchthon als jungen Lateinschüler mit Reuchlin als Lehrer.

Bald entwickelte sich eine Vater-Sohn-Beziehung, die von beiden in späteren Briefen auch pathetisch überhöht wurde. So schreibt Melanchthon, der auf Empfehlung Reuchlins zum Studium nach Heidelberg, als Magister nach Tübingen und als Griechisch-Professor nach Wittenberg ging: „Mein lieber Reuchlin, mein Vater: Dir folgen, Dir gehorchen ist mein Begehr.“ Und dieser antwortete: „Du bist mein Trost und meine Freude.“

Im für Reuchlin existenziell gefährlichen Streit („Dunkelmänner-Briefe“) mit Kölner inquisitorischen Mönchen um die „Juden-Bücher“, für deren Erhalt der Pforzheimer Humanist leidenschaftlich plädierte, stand Melanchthon treu und tatkräftig an der Seite seines Förderers. 1521 allerdings kam es wegen Melanchthons engem Verhältnis zu Martin Luther, dessen reformatorischen Lehren Reuchlin skeptisch gegenüber stand, zum Zerwürfnis. Doch 30 Jahre nach Reuchlins Tod – der gealterte Wittenberger Professor war inzwischen selbst in die Kämpfe zwischen den Reformatoren involviert und litt unter der „Wut der Theologen“ – hat Melanchthon in seiner Rede „De Capnione Phorcensi“ (Über Reuchlin aus Pforzheim) seinen einstigen Mentor rühmend gewürdigt und – betonte Dall’Asta – damit sein Bild für die Nachwelt geprägt.

Die Schlusspassage der Rede mag dies belegen: „Reuchlins Lebensführung war maßvoll. Dem Staate hat er im Rat und vor Gericht gedient. Die für die Kirche unverzichtbare hebräische Sprache machte er weithin bekannt. Gegenüber Bedürftigen und besonders gegenüber Studenten war er wohltätig. Er war ein Mann von größter Redlichkeit, ganz ohne Neid und Eifersuch.“