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Musiker Mikael Marin, Olov Johansson und Roger Tallroth (von links). Foto: Frommer

Gastspiel der Folkmusikgruppe Väsen im Prisma im Gasometer

Pforzheim. Statt einer Geige setzen sie eine fünfsaitige Bratsche ein. Deren dunklerer Klang passe besser zu seiner Schlüsselharfe (Schwedisch: „Nyckelharpa“), sagt Olov Johansson. Den Beweis liefert die international erfolgreiche schwedische Folkband Väsen (zu Deutsch: „Wesen“) beim ausverkauften Prisma-Konzert im Pforzheimer Gasometer.

Die komplexe Nyckelharpa Johanssons ist der Blickfang auf der kleinen Bühne. Das perfekte und abwechslungsreiche Zusammenspiel mit den flankierenden Musikern und ihren herrlichen Instrumenten ist ein Genuss: Mikael Marin an der besagten Viola und Roger Tallroth an einer sehr zurückgenommen gespielten zwölfsaitigen Gitarre.

Musikalisch weiterentwickelt

Die drei Musiker, aufgewachsen in der Provinz Uppland, musizieren in dieser Formation seit knapp 30 Jahren und gastierten zum zweiten Mal im Gasometer. Am 22. September 2015 eröffneten sie die Prisma-Spielstätte mit einem ebenfalls gefeierten Konzert. Optisch haben sich die drei kaum verändert – zugegeben, Mikael Marins Bart ist voller und weißer geworden, aber Olov Johansson hält sogar an den rot-weiß quergestreiften T-Shirts im Matrosen-Look fest. Musikalisch haben sie sich fraglos weiterentwickelt, nahezu das gesamte am Dienstag dargebotene Repertoire besteht aus Eigenkompositionen: schwungvolle Walzer und heitere Polska, deren musikalischer Ursprung als Bauerntanz weiter zurückreicht als die polnischen Einflüsse des 16. und 17. Jahrhunderts in Schweden. Immer wieder geraten die zum Schwelgen einladenden Instrumentalstücke, etwa die von Roger Tallroth, wie er sagt, im Winter komponierte „Sommarpolskan“ („Sommer-Polska“) zu purer Lautmalere

Väsen hat ihren wichtigsten Zuhörerkreis in den Vereinigten Staaten. „Wir haben irgendwann aufgehört, die USA-Reisen zu zählen“, sagt Marin: „Zwei bis drei Tourneen führen uns jedes Jahr hin.“ Wohl auch ein Grund, aus dem das hiesige Publikum so lange auf das konzertante Wiedersehen und -hören warten musste.

Im Prisma sind es auch die gekonnten Tempowechsel der Routiniers, die Applaus und Bravo-Rufe der Zuschauer stimulieren. Kurz vor der Pause, beim Titel „Brakstaken“ (Deutsch: „Störenfried“) lässt Tallroth die ganze Tiefe seines Könnens erahnen: Seine Gitarre begleitet ausnahmsweise einmal nicht nur, sondern setzt einzelne muntere Flageolett-Glanzlichter. „Nächstes Jahr feiern wir 30-jähriges Bühnenjubiläum“, lässt die Band wissen und bedankt sich ausdrücklich und humorvoll bei den Pforzheimer Konzertgästen: „Thank you, homeless people!“

Die Zuhörer „erkämpfen“ sich dennoch eine zweite Zugabe: die wunderschöne, zarte, feingliedrige Komposition Tallroths „Tanja“, die er einem jungen Mädchen gewidmet hat. „Als sie und ihr Vater das Stück in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal live gehört haben, waren beide zu Tränen gerührt“, erzählt Tallroth. „Offensichtlich hat es ihnen gefallen. Zum Glück“, fügt er noch verschmitzt hinzu, „denn schlimm, wenn’s anders gewesen wäre: Sie ist die schwedische Jahrgangsbeste in Karate…“.