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Hagen Rether hebt sich vom wohlfeilen Politiker-Bashing ab. Foto: Frommer
Hagen Rether hebt sich vom wohlfeilen Politiker-Bashing ab. Foto: Frommer
26.11.2018

Gegen die Hornhaut auf der Seele: Kabarettist Hagen Rether im Osterfeld

Pforzheim. Aktuelles und Verdrängtes ohne Hast verknüpft: Der Essener Kabarettist Hagen Rether (49) nimmt sich demonstrativ Zeit, wenn er Gesellschaft und Politik kritisch unter die Lupe nimmt. Der eigentliche Skandal, so macht er am Freitagabend im ausverkauften Malersaal des Kulturhauses Osterfeld wiederholt deutlich, sei „nicht, dass es passiert, sondern dass es uns nicht mehr interessiert“.

Konkrete Beispiele führt er viele an: „Fünf NSU-Zeugen sind kurz vor ihrer Vernehmung gestorben. Akten hat man systematisch vernichtet. Aber nichts passiert: Wir haben Hornhaut auf der Seele“. Einer sakrosankten Kirche, legt Hagen Rether nach, werde gestattet, den Missbrauch von 1000 Kindern alleine in Nordrhein-Westfalen mit einer eigenen Studie abzuhandeln. Ohne weitere ersichtliche Konsequenzen. „Oder haben wir deshalb Caritas-Wohnheime angezündet?“, lenkt er den Blick des Osterfeld-Publikums parallel und rhetorisch gekonnt für einen Moment auch auf die Exzesse des dumpfen Fremdenhasses, der seinen völlig enthemmten Protagonisten ganz alleine schon zum Abfackeln von Flüchtlingsunterkünften genügt.

„Wir können die Welt nicht retten? Ja, wer denn sonst? Ich seh‘ gerade niemand anderes“, fordert Hagen Rether von seinem Publikum klipp und klar den Perspektivwechsel. „Eine Merkel kann auch nicht retten, was 80 Millionen täglich in die Fritten reiten“. Nein, der Essener serviert kein konventionelles Kabarett, bei dem es einzig und alleine um Pointen, um Lacher geht. „Das ist nicht lustig“, zischt er mehrfach, „ich finde Humor ja auch wichtig, aber doch nicht so viel!“

Anspruchsvolles Mitdenken

Der Essener betreibt ein assoziatives Spiel. Im Gegensatz zu manch anderem Kabarettisten und zum Heer der selbst ernannten Stammtisch-Rhetoriker liefert er eben kein durchgängig wohlfeiles Politiker-Bashing, sondern ein jederzeit bemerkenswertes Mitdenkangebot. Mit wenigen, auf den Punkt gesetzten Worten seziert er beispielsweise das deutsche Prostitutionsgesetz: „Das haben wir eben nicht vom Kopf auf die Beine gestellt, sondern nur kurz angehoben, drunter etwas gewischt und wieder abgesetzt. Jetzt muss das Reh einen Jagdschein machen“. Hagen Rether fordert – sprachlich geschliffen und knallhart – die konsequente Meldepflicht für Freier. Immer seinem übergeordneten Ansatz folgend: „Wo ist unser Anteil an der Misere?“.

Sein Programm hieß schon Liebe, da war Bill Clinton noch Präsident. „Ich ändere die Texte nach Gusto“, erläutert Hagen Rether im Kulturhaus Osterfeld: „Ich halte mich nicht sklavisch an die Tagesaktualität“. Ganz am Ende seines langen Programms greift er doch noch gekonnt in die Tasten des zuvor verwaisten Konzertflügels, gibt einen kurzen Eindruck davon, wie der Abend auch hätte klingen können, wäre es nur um den Konsum von jazziger Unterhaltung gegangen. Dann bricht er abrupt ab und verabschiedet sich mit der knappen Mahnung: „Seien Sie gut zu Ihren Kindern!“.