Die Künstlerinnen (von links) Leonie Felle (Poupée), Franka Kaßner (Trickster) und Beate Engl (Speaker) haben das Gesamtkunstwerk „Prekärotopia“ entwickelt. Foto: Meyer
Kultur
Gesamtkunstwerk stößt gesellschaftskritischen Diskurs an: Ausstellungsparcours und Performance im Alfons-Kern-Turm
  • Uta Volz

Pforzheim. Es ist eine interessante und aktuelle Fragestellung, mit der sich die Ausstellung „Prekärotopia“ im Alfons-Kern-Turm (A.K.T.) befasst, die am Freitagabend mit einem dazugehörigen „prekären Singspiel“ eröffnet wird: Sind Veränderungen in einer Gemeinschaft solidarisch möglich? Prekärotopia ist ein Gesamtkunstwerk, eine Performance aus Skulpturen, darstellender Kunst, Musik, Gesang und digitaler Realisierung.

Der sperrige Titel ist eine Wortschöpfung aus „Prekär“ (schwierig, unsicher, problematisch), „Rotation“ (Kreisen um dieselbe Achse, Kontinuität), und „Utopia“ (Ort, Lebensform, die nicht existieren, aber sein könnten). Die Performance erzählt vom Versuch, bestehende Gesellschaftssysteme gemeinsam zu verändern und fragt nach Solidarität in der Gemeinschaft.

Eine „Globe-Orgel“ verdeutlicht die weltweite Bedeutung des Themas. Foto: Meyer

Entwickelt haben „Prekärotopia“ die drei Künstlerinnen Leonie Felle, Beate Engl und Franka Kaßner. Sie kennen sich vom Studium bei dem Bildhauer Olaf Metzel an der Münchner Kunstakademie und arbeiten seit 2014 zusammen. 2018 begannen sie, Prekäratopia zu entwickeln. Der Kunstbau im Lenbachhaus zeigte Interesse an der Performance, und dort wurde sie dann auch im Herbst 2019 uraufgeführt.

Janusz Czech, künstlerischer Leiter des A.K.T. und der Ausstellung, hatte die Performance in München gesehen und lud die drei Künstlerinnen nach Pforzheim ein. Das Trio hat für die Performance von den Skulpturen über die Musik und die Texte bis zu Kostümen und Filmen alles selbst entworfen und hergestellt – und tritt auch selbst auf.

Entwurf des Performance-Plans. Foto: Meyer

In Prekärotopia treffen Poupée (Leonie Felle), die an die Liebe und ein gleichberechtigtes Handeln glaubt, auf den scharfsichtigen und spöttischen Trickster (Franka Kaßner) sowie den idealistischen Aktivisten Speaker (Beate Engl). Solidarität in Prekärotopia? Ist zum Scheitern verurteilt. In den Texten von 13 selbst komponierten Punk-, Chanson- und Agit-Prop-Einlagen werden Argumente und Schlagworte verarbeitet.

Gerüst der Performance ist ein Ausstellungsparcours. Dazu gehören die Attribute des Trios: ein fahrbarer Broiler für den Trickster, eine Disco-Lichtanlage für Poupée, ein Megafon und die hochfahrbare „Hand des Kapitals“ für den Speaker. Eine überdimensionale Showtreppe mit zwölf Stufen symbolisiert die zu zerstörende Hierarchie, aber auch ein Xylofon. Eine Globe-Orgel verdeutlicht die weltweite Gültigkeit des Themas. Mit einem Diorama werden unterschiedliche Bildwelten für die Akteurinnen erzeugt. Video-Einspielungen und eine Ausstellung mit 25 Zeichnungen, welche die Entstehung der Performance dokumentieren, komplettieren die Schau.

Der Entwurf passt sehr gut in den A.K.T., findet Almut Benkert, Leiterin des EMMA Kreativzentrum. „Der Alfons-Kern-Turm ist ein Ort für gesellschaftliche Diskurse. Mit Prekärotopia können wir die vierte Ausstellung realisieren. Die Corona-Thematik hat ganz neue Herausforderungen gestellt, weswegen die Performance anders gestaltet werden musste, dafür aber der digitale Aspekt viel mehr in den Vordergrund gerückt ist.“

Die Zuschauer erleben wegen Corona die Eröffnung mit dem Singspiel über Videofilm im Stockwerk über der Bühnenshow. Da pro Aufführung nur 25 Personen dabei sein können, wird es auch einen Live-Stream geben, da das Interesse schon jetzt sehr groß ist.

Prekärotopia wird gefördert durch das philosophische Wirtschaftsmagazin agora 42, die Werner-Wild-Stiftung, den Ornamenta-Verein und das Kulturamt.