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Schalk im Nacken, Gitarre in der Hand: John Blek beim „Horch!“.  Foto: Müller 

Geschichten, die das Leben schreibt: Irischer Musiker zu Gast im Schlachthof

Pforzheim. Weinrotes Hemd, schwarze Jeans, die Gitarre fest im Griff, die Augen stets geschlossen. Und diese Stimme. John Bleks Gesang hallt durch das hohe, luftige Industriegebäude und vertreibt die Kälte an diesem Samstagabend aus dem unbeheizt-klammen Alten Schlachthof. Zumindest gefühlt. So mancher in kuschelige Steppdecken eingemummelter Gast mag sich da verwundert die Augen reiben: Bin ich tatsächlich auf einem Live-Konzert gelandet? Eines, bei dem ein internationaler Künstler auftritt?

Veranstaltungen der Zeitkultur sind gerade ein rares Gut. Das Tourneegeschäft liegt selbst innerhalb Europas darnieder: durch Einreisebeschränkungen sowie je nach Ausbrechen neuer Pandemieherde ständig wechselnde Quarantäneregeln. Auch den Iren John Blek hat dies getroffen, sein Tourplan hätte vor Pforzheim eigentlich eine Station in Esslingen vorgesehen. Wegen der dort rapide ansteigenden Corona-Zahlen wurde das Gastspiel abgesagt.

Im Schlachthof haben sich die Veranstalter der stets durch Gästespenden finanzierten Kultreihe „Horch!“ sichtlich bemüht, alles richtig zu machen – mit Abstandskonzept und cleverer Führung des Besucherstroms. Rund 90 Leute sind gekommen. Mehr geht nicht, trotz langer Warteliste, wie „Herr Horch“ sagt. Er habe sich zuletzt ein paar Konzerte angeschaut und überall sicher gefühlt. „Aus Verantwortung gegenüber den Künstlern“ hat er John Blek, der schon im Sommer bei den „Grüntönen“ im Stadtgarten hätte spielen sollen, nochmals eingeladen.

Die wie gewohnt aufmerksamen Horcherinnen und Horcher sehen einen sympathisch verschrobenen Künstler auf dem Höhepunkt seiner Produktivität. Blek veröffentlicht im Jahrestakt neue Alben, der 33-jährige Singer/Songwriter hat den Ruf des Geheimtipps. Sein auch von schottischer und amerikanischer Seite beeinflusster Folk findet viel Kritikerlob. Mit raumfüllender, warmer Stimme irgendwo zwischen Glen Hansard und David Gray singt der Mann aus dem irischen Cork in typischer Troubadour-Manier von Leben, Liebe und der Schönheit der Natur. Als wäre es die einfachste Sache der Welt, begleitet er sich an der Akustikgitarre mit perfektem Fingerpicking-Spiel.

Selbstironischer Unterhalter

Direkt und authentisch zaubert er eine Atmosphäre von geradezu liebevoller Intimität. In seinen Liedern, vor allem im Dialog mit dem Publikum zeigt sich Blek als witziger, selbstironischer Unterhalter und Geschichtenerzähler. Wie es eben einer drauf hat, der durch die harte Schule der lauten, fröhlichen, alkoholgeschwängerten Atmosphäre in den Pubs seiner Heimat ging. Und so appelliert er, die kleinen Dinge zu schätzen, plaudert von seinem „seltsamen Leben“ in Theatern, Clubs und Kirchen, von „kleinen Erfolgserlebnissen“ wie dem Corona-Test vor Tourstart. „Zum ersten Mal habe ich ein Examen bestanden“, scherzt er. Um später die zutiefst berührende Ode an einen verstorbenen Obdachlosen anzustimmen. Sie werden die Pforzheimer ebensowenig vergessen wie die Anekdoten über das Schiff eines holländischen Gentlemans oder die 80 Kühe vor seinem Garten.

Famos auch Bleks Cover-Versionen – ob „I’ll Be Here In The Morning“ (Townes Van Zandt) oder „If I Were a Carpenter“ (Bobby Darin). Fast zweieinhalb Stunden und ein paar Zugaben später feiert das Publikum John Blek frenetisch.

Michael Müller

Michael Müller

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