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Metallische Tonwolken: Christian Lillinger (links) und Christopher Dell.  Foto: Meyer 

Geschlagene Klangstrukturen: Christian Lillinger und Christopher Dell im „domicile“

Pforzheim. Blitzschnelle Akustik auf Drumset und Vibrafon lieferten am Montagabend die Schlagzeuger Christian Lillinger und Christopher Dell ihrem Publikum im voll besetzten Jazzclub „domicile“. Gespielt wurden zwei Sets im Stil der neuen Improvisationsmusik. Dabei beeindruckten Tempo und ideenreiche Klangfarben. Ermöglicht wurde der Auftritt durch die Stiftung Bartels Foundation aus Basel, die beide Musiker als Stipendiaten gefördert hat.

So ein aberwitzig flinker Wirbel auf dem Ride-Becken klingt bei Christian Lillinger wie ein elektrisches Surren. Als ob das Ohr für den Bruchteil einer Sekunde an eine Hochspannungsleitung hinhört. Mit weich biegsamen Ruten vibriert der Schlagzeuger am Hi-Hat, knallt abrupt auf die Ränder der Toms. Es knackst und wummert. Lillinger ist ein hochgewachsener Mann, mitunter trommelt er wie besessen, fährt sich hektisch mit der linken Hand durchs Haar, während die rechte rasant über das Drumset hetzt. Mal zart und leise, mal heftig und bedrohlich laut. Metrum oder Rhythmus im eigentlichen Sinne gibt es dabei nicht, wobei das Ganze letzten Endes doch irgendwie rhythmisch zusammengehalten wird.

Atonale Strudel branden auf

Gleiches gilt für die atonalen Strudel, die Christopher Dell parallel zum Schlagzeug auf dem Vibrafon aufbranden lässt. Melodien oder Harmonien sucht man vergebens. Aber trotzdem: Nach einigen Minuten findet sich immer wieder so etwas wie Orientierung und Halt in den metallischen Tonwolken. Lillinger und Dell nennen das „Strukturen“. Ihre Musik ist nichts für schwache Nerven. Wer sich jedoch konzentriert auf die geschlagenen Klangstrukturen einlässt, wird Hörerlebnisse ernten, die es sonst nirgendwo gibt: Umgeben von so viel elektronischer Musik und Sounddesigns aus Synthesizern vergessen wir heute oftmals, wie reich und immens die Klänge der analogen Welt sind. Musiker wie Lillinger und Dell erinnern ihr Publikum an diesen akustischen Schatz. Und sie demonstrieren eindrucksvoll, dass zum Beispiel ein und dieselbe Trommel je nach musizierter Struktur ganz unterschiedlich klingt. Swing, Groove lassen sich in dem wilden Klangbild nicht ausmachen.

Aber dennoch: Der Jazz ist mit dieser spielerisch und intellektuell lange vorbereiteten und dann improvisierten Musik wohl am nächsten verwandt. Jedenfalls kommt der 1984 in Lübben im Spreewald geborene Christian Lillinger aus dieser Tradition. Er war Mitglied im Bundesjugendjazzorchester, spielte in vielen Jazzgruppen und ist Preisträger des SWR-Jazzpreises 2017.

Der Avantgarde zugewandt

Gegenwärtig wendet sich Lillinger jedoch stärker der Avantgarde zu. Vor zwei Jahren war er Stipendiat der Stiftung Bartels Fondation in Basel, die ihm mehrere internationale Konzerte ermöglichte. Deren Stiftungsgründer Rainer Bartels ist Wegbegleiter des „domicile“ der ersten Stunde. Aus Anlass des 75. Geburtstages von Jazzclubleiter Axel Klauschke vergangenes Jahr schenkte Bartels dem Jazzclub den Konzertauftritt von Lillinger. Der wiederum hatte der Stiftung Christopher Dell als Stipendiaten-Nachfolger empfohlen. Im „domicile‘ stießen sie auf ein begeistertes Publikum.