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Tragisch: Elisa Balbo (Anaï).  Foto: Pfeiffer 
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Unbeirrbar: Alexey Birkus als Moïse.  Foto: Pfeiffer 

Gioachino Rossinis „Moïse“ beim Belcanto Opera Festival in Bad Wildbad

Bad Wildbad. Die Uraufführung von Rossinis Bibeloper „Moses in Ägypten“ 1818 in Neapel endete in Heiterkeit, weil die spektakuläre Schlussszene mit dem Zug der Hebräer durch das Rote Meer von der überforderten Bühnentechnik zu grotesker Lächerlichkeit verhunzt wurde. Dem Erfolg des Stückes schadete diese Panne nicht, und der Komponist entschloss sich sogar, das fromme „Oratorio“ 1827 mit dem neuem Titel „Moïse“ für die Pariser Erstaufführung gründlich umzuarbeiten und den Erwartungen der Grand Opéra anzupassen. In dieser Fassung ist die Oper nun in Bad Wildbad zu sehen.

Zwischen Liebe und Pflicht

Die Geschichte von der Befreiung der Hebräer aus ägyptischer Knechtschaft und ihrem Weg ins Gelobte Land ist zunächst ein Drama um den Kampf zwischen ihrem charismatischen Anführer Moses und dem herrschenden Pharao. Dieser Konflikt zwischen Glauben und Macht wird (nach dem Geschmack des Publikums) unterfüttert durch eine Liebesgeschichte: Der Pharaonensohn Aménophis begehrt die Hebräerin Anaï, die ihn aber im Widerstreit zwischen ihrer Liebe und der Pflicht ihrem Volk gegenüber abweist. Aus Rache zwingt der gekränkte Herrscher die Hebräer zur Flucht – und zur Überquerung des Roten Meeres, das sich, weil Moïse Gott um Rettung anfleht, vor ihnen teilt, die verfolgenden Ägypter jedoch verschlingt. Dieses Wunder gilt als Beweis für die Kraft des Glaubens, der über die Gewalt siegt.

Nach den Regeln der Grand Opéra kleidet Rossinis dieses Geschehen in imposante Bilder, grandiose Ensembles, hinreißende Ohrwürmer und überwältigende Musik – wie das berühmte, ergreifende Dankgebet, mit dem das Werk wirkungsvoll endet. In Wildbad werden die Virtuosi Brunensis unter dem Dirigenten Fabrizio Maria Carminati der lyrischen Schönheit und dramatischen Wucht der Partitur packend gerecht. Nach etwas diffusem Anfang, in dem das Orchester Schleifspuren der Festival-Strapazen aufweist, steigert sich der Abend zu beachtlicher Intensität.

Ohne Zweifel ist es wieder die herrliche Musik Rossinis, die diese Aufführung trägt. Sie setzt sich auch gegen die notorischen Schwächen der Inszenierung von Jochen Schönleber durch, die mehr Sinn für starre Tableaus und umständliche Behäbigkeit als für vertiefende Personenregie beweist, durch Videos und Versatzstücke (Bühnenbild Schönleber) eine vage Heutigkeit behauptet und die hebräischen Freiheitskämpfer gar in die Nähe der aktuellen Intifada rückt. Die szenische Einfalt der Regie in den arg begrenzten Möglichkeiten der Bühne in der Wildbader Trinkhalle führt schnell zu Langeweile, die etwa durch Streichung der ausgedehnten Ballettmusik im 3. Akt hätte gelindert werden können.

Bleiben die Sänger, denen wie immer bei Rossini dankbare Aufgaben zuwachsen. In der Titelrolle des unbeirrbar glaubensfesten Moïse setzt Alexey Birkus seinen voluminösen, klangschönen Bass zu einem aufrechten, etwas braven Porträt des frommen Anführers ein – in wirksamem Kontrast zu Luca Dall’Amico, der dem resoluten Pharaon stimmlich wie darstellerisch kerniges Profil gibt. Elisa Balbo macht die tragische Zerrissenheit der liebenden Anaï mit klarem Sopran, sicherer Höhe und souveräner Geläufigkeit deutlich und steuert dem Abend mit ihrer großen Szene im 4. Akt wie auch im anrührenden Duett mit Aménophis nachhaltige Akzente bei.

Mit strahlenden Spitzen

Als Aménophis beeindruckt der darstellerisch unbeholfene Tenor Randall Bills mit strahlender Spitze und famoser Belcanto-Manier, und doch mutet seine Leistung seltsam unfertig an. Die wildbad-erfahrene Silvia Dalla Benetta überzeugt auch diesmal wieder in der Partie der vermittelnden Sinaïde mit dramatischen Impulsen und vokaler Verve. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen der kultivierte Tenor Patrick Kabongo als emphatischer Éliézier, Xiang Xu als General Ophide mit schlankem Tenor und der warm timbrierte Bass Baurzhan Anderzhanov als Oberpriester Oziride.

Das Publikum ließ sich durch die Mängel der Regie die Lust an der Begegnung mit diesem „Moïse“ nicht vergällen und feierte das Ensemble mit begeistertem Beifall.