760_0900_99754_Maulbronn_Klosterk_Seminarchor_2_25_05_20.jpg
Der blass geschminkte Chor des Evangelischen Seminars mit den Vokalsolisten Idunnu Münch (li.) und Uwe Schenker-Primus in der Klosterkirche. Foto. fotomoment

Grandios in Gestus und Ton: Purcells „Dido & Aeneas“ bei den Klosterkonzerten

Maulbronn. Maulbronn leuchtete, Maulbronn jubelte. Der Enthusiasmus und der jugendliche Charme aller Chorsänger, Darsteller und Instrumentalisten steckte das Publikum an. Die halbszenisch-konzertante Aufführung von Henry Purcells „Dido & Aeneas“ durch das Evangelische Seminar Maulbronn in der Klosterkirche hatte die Größe einer antiken Tragödie – und im Ambiente des in farbige Lichtströme getauchten Sakralbaus die Klangpracht einer barocken Oper.

Die faszinierende Performance mit den zwischen Kirchenbänken und Stuhlreihen wirbelnden, schwarz gekleideten und blass geschminkten Seminaristen des Schulchors war gleichermaßen erfrischend verspielt und traurig schön, theatralisch effektvoll und todernst. Bei ihnen waren Volkes Stimme und chorisches Echo bestens aufgehoben.

Mit glücklicher Hand

Für ihre Purcell-Interpretation hatten Seminar-Musiklehrer Sebastian Eberhardt und Regisseur Nils Wanderer mit glücklicher Hand zudem professionelle Vokalsolisten gefunden. Mit Ausstrahlung und herrlich klarem Mezzosopran agierte Idunnu Münch als attraktive Königin Dido von Karthago, die sich in Aeneas verliebt. Der von Göttern mit der Gründung Roms beauftragte trojanische Held, der nach stürmischer Seefahrt an den Gestaden Karthagos landet, wo er Dido lieben lernt, die Königin aber wegen seines Auftrags bald wieder verlässt, fand in dem Bassbariton Uwe Schenker-Primus einen souveränen Darsteller. Der neben seiner Regie-Aufgabe zusätzlich als böser Geist auftretende Countertenor Wanderer, der mit seinen beiden feurigen Hexen (Mezzosopranistin Shakira Tsindos und Sopranistin Sophie Sparrow) die Fäden der gemeinen Verschwörung gegen Dido zieht, füllte seine Doppelrolle grandios aus. Musikalisch einfühlsam stand Sopranistin Sophie Sauter als Freundin Belinda der Königin zur Seite. Mit köstlich frischem Timbre brachte sich auch der Londoner Tenor Guy Elliot als „Sailer“ in die Aufführung ein.

Fast unauffällig vor seinem Instrumental-Ensemble, dem Karlsruher Barockorchester, auf dem Boden sitzend, leitete Eberhardt das Opern-Event mit einer unglaublichen Bandbreite an Variationen in Gestus und Ton. Da war der brillante „Tanz der Matrosen“, den die Choristen, in Reih’ und Glied gruppenweise eingehenkelt, unten vor dem Altar-Kruzifix und oben auf der Lettner-Mauer mit ihren Jubelstimmen vorführten.

Begeisterung kennt kein Halten

Mit besonderer Intensität gestaltete sich das berühmte „Lamento“ der Dido in ihrer verzweifelten Selbstmord-Szene. Anrührend ihr Abschied von Belinda – mit dunkel verhangener, fast gehauchter, aber noch einmal aufbegehrender Stimme vorgetragen: „Death is now a welcome guest.“ Diese Momente des Schmerzes und der Zerbrechlichkeit allen Glücks ließ das Orchester in zarter, zerdehnt leiser Gangart ausklingen. Danach gab es beim Publikum in der voll besetzten Kirche vor lauter Begeisterung kein Halten mehr.