Für viele Fans ist er eine lebende Legende: Eminem überzeugt beim „Openair Frauenfeld“. Foto: Jonathan Deputat
Der 45-Jährige gibt 90 Minuten alles. Foto: Jonathan Deputat
Kultur
Größtes Hip-Hop-Festival Europas: Eminem lockt Deutsche in die Schweiz
  • Jeanne Lutz

Frauenfeld. Es ist der Moment, auf den sie alle gewartet haben. Die Leinwand auf der Bühne zeigt einen Sternenhimmel, das übrige Gelände des „Openair Frauenfeld“ liegt im Dunkeln. Stille. Bedächtig, fast zögerlich, spielt der Pianist auf der Bühne ein paar Töne, die sich langsam zum Intro von Eminems oscar- und grammyprämiertem Hit „Lose Yourself“ verdichten.

Als die 50 000-köpfige Menge die Melodie erkennt, gibt es kein Halten mehr. Jubelschreie, nach oben gereckte Mittelfinger, verschwitzte Menschen, denen eine Mischung aus Glückselig- und Ungläubigkeit ins Gesicht geschrieben steht. Für viele von ihnen geht gerade ein Traum in Erfüllung. Eminem rappt die erste Zeile, Zehntausende stimmen ein – es ist der Abschluss und gleichzeitig der Höhepunkt des eineinhalbstündigen, perfekt inszenierten Konzerts des selbsternannten Rap-Gottes am Freitagabend in der Schweiz.

Held einer Generation

Schon Stunden vor dem Auftritt wirft Eminem alias Marshall Mathers – mit rund 230 Millionen verkauften Tonträgern erfolgreichster Hip-Hop-Künstler dieses Jahrtausends – seinen Schatten voraus. 2010 war er das letzte Mal zu Gast beim Frauenfeld, sein letztes Konzert in Deutschland spielte er 2004. Als die Veranstalter im Februar seinen Auftritt ankündigten, war das viertägige Openair binnen zweier Tage komplett ausverkauft.

Die Anspannung auf dem Festivalgelände ist bereits am Mittag spürbar. Für die meisten Besucher ist der 45-Jährige der unangefochtene Superstar der 33. Auflage des Frauenfelds. Fast alle sind sie in ihren Zwanzigern und mit Eminems Songs aufgewachsen. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen, die er mit ihm verbindet. Eminem ist nicht nur ein Meister des Sprechgesangs, sondern auch das Idol einer ganzen Gernation. Von dieser wird er gottgleich angebetet, die Ehrfurcht ist mindestens genauso groß wie die Vorfreude. Unter den Eminem-Jüngern sind auch Leon Zeh und Alexej Ott. Die Jungs aus Weil am Rhein sind nur zwei von Tausenden Besuchern, die aus Süddeutschland angereist sind, um Eminem zu sehen. Seit 15 Uhr – acht Stunden vor der Show – stehen die beiden vor der Bühne, um sich ihren Platz in der ersten Reihe zu sichern. Für die Wartezeit haben sie an alles gedacht: Getränke, Schmerzmittel, Rückenprotektoren und Müsliriegel. Eminems neuntes, im Dezember veröffentlichtes Album „Revival“ hat sie weniger überzeugt. „Wir hoffen, dass er viele alte Sachen spielt“, erklärt Alexej. Damit ist er nicht allein.

Euphorische Fans

Und er soll nicht enttäuscht werden. Als es um 23.10 Uhr endlich losgeht, entlädt sich die Anspannung binnen weniger Minuten in pure Euphorie, die schon kurz nach Beginn mit „White America“ vor der Bühne nicht nur spürbar, sondern dank mitrappender Fans auch hörbar ist – die mehrfachen Aufforderungen des Rappers mitzusingen, sind entsprechend unnötig. Wie eine Naturgewalt rollt der US-Amerikaner über die Zuschauer, was mit Videoeinspielern, die seine Heimat Detroit mal in Flammen, mal bei Regen zeigen, eindrücklich unterstrichen wird. Doch Eminem kann auch nachdenklich. Bei Songs wie „Walk On Water“ und „Stan“ in Begleitung von Sängerin Skylar Grey zeigt der Rapper seine gefühlvolle Seite, nur um im nächsten Moment mit seinen frühen Hits „My Name Is“, „The Real Slim Shady“ und „Without Me“ Schlag auf Schlag eine Salve technisch perfekt gerappten und textlich herausragenden Größenwahns auf seine Fans abzufeuern und ihnen mit dem heiß ersehnten „Lose Yourself“ schließlich den Rest zu geben – alles ohne Playback, wie es sich für einen Rap-Gott gehört.