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Heinz Rudolf Kunze hat eine besondere Sicht auf die Flüchtlingskrise. Er selbst wurde in einer Flüchtlingsunterkunft geboren.  Foto: Hollemann
Heinz Rudolf Kunze hat eine besondere Sicht auf die Flüchtlingskrise. Er selbst wurde in einer Flüchtlingsunterkunft geboren.  Foto: Hollemann
10.02.2016

Heinz Rudolf Kunzes neues Album „Deutschland“ zeigt ein Land im Umbruch

Hannover. Heinz Rudolf Kunze zitiert den französischen Philosophen Blaise Pascal, aber er kennt keinen Titel von Mark Forster. Was aktuell im Radio läuft, interessiert den 59 Jahre alten Sänger weniger. Heinz Rudolf Kunze macht sein eigenes Ding – seit 35 Jahren im Musikgeschäft. Inspiration findet er in der riesigen Bibliothek und CD-Sammlung seines Hauses in der Wedemark bei Hannover.

Dort bringt der Musiker – bekannt für seinen Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ – täglich neue Lieder zu Papier. Am Freitag erscheint sein 35. Album mit dem programmatischen Titel „Deutschland“.

Kunze verbindet darin persönliche Erlebnisse mit politischen Analysen. „Deutschland“ ist eine Reise in die eigene Kindheit und zugleich eine Bestandsaufnahme der Bundesrepublik in Zeiten von Flüchtlingskrise und weltweiter Terror-Bedrohung durch Terroristen. „Deutschland, gemütlich lässt du’s krachen, weil deine Waffen und dein Geld Weltbrände mitentfachen“, heißt es im Titelsong.

„Es gibt im Moment viel Grund zur Sorge, weil die Menschen das Gefühl haben, dass die regierenden demokratischen Parteien ihnen keine Antworten geben“, sagt Kunze. „Ich glaube, dass die meisten dieser Menschen irritiert sind und dass man sie zurückholen kann.“ Das „Wir schaffen das“ von Kanzlerin Angela Merkel hält er zwar für humanistisch. „Aber sie hätte vielleicht besser sagen sollen: ,Gucken wir mal, wie viel wir schaffen.‘“

Der Song „Jeder bete für sich allein“ ist ein Plädoyer für die Privatisierung von Religion. Sieht Kunze die Religion als Wurzel allen Übels, als Auslöser von Terrorismus und Krieg? „Nein, so dumm bin ich nicht, ich weiß, dass Religion oft nur ein Deckmäntelchen für materielle Interessen ist“, sagt der Sänger.

Neben den Utopien gibt es viele private Momente auf dem Album, das Blues, Funk und Pop verbindet. So erinnert sich der Musiker in einem Lied an die Ortschaft Alte Piccardie an der niederländischen Grenze, in der er als kleiner Junge lebte. Kunze kam 1956 als Flüchtlingskind in einem Barackenlager in Espelkamp bei Minden zur Welt. Die Straße, in der seine Familie lebte, ähnelte der Straße auf dem Cover seines neuen Albums, erzählt der Musiker: „Ein bisschen spießig, ein bisschen heimelig, ein bisschen Geborgenheit, ein bisschen Enge.“

Mit Musik gegen Langweile

Im Sommer hat Kunze die Aktion „Musik hilft“ gestartet und seitdem rund 650 Instrumente für Flüchtlinge gesammelt. „Ich hatte mir überlegt, was man machen kann, damit die Menschen in den Lagern nicht so eine quälende Langeweile leiden“, sagt er. „Wenn ich mich an das Schicksal meiner Eltern erinnere, war es schon schwierig genug für die deutschen Vertriebenen. Sie wurden auch nicht überall mit offenen Armen empfangen. Für Menschen aus Nordafrika oder Syrien, die aus einer völlig anderen Welt kommen, muss es noch schwieriger sein.“