760_0900_80092_Horch_Barriol_3.jpg
...und Hugo Barriol.  Fotos: Müller 
760_0900_80091_Horch_O_Reilly_2.jpg
Lassen aufhorchen: Ryan O’Reilly... 

Hugo Barriol und Ryan O’Reilly begeistern bei der zwölften „Horch!“-Auflage

Pforzheim. Absolute Ruhe, keiner stört mit nervigem Gequatsche. Selbst mitzusingen traut sich niemand. Es ist erstaunlich, wie aufmerksam das Publikum den Künstlern der kleinen, feinen „Horch!“-Reihe an ihren wechselnden Veranstaltungsorten folgt.

Bei der zwölften Auflage lauschen 150 Zuhörer – bisheriger Rekord – am Dienstagabend im Jugendstil-Bau der Hochschule für Gestaltung dem Konzert. Es finanziert sich wie üblich über Spenden am Ausgang. Zwei Künstler treten auf, die beide gewissermaßen auf der Straße anfingen.

Erstmals in Deutschland

Der erste spielt in Pforzheim seine Deutschland-Premiere: der Franzose Hugo Barriol. Was für eine Stimme. Seine Agentur bemüht Vergleiche zu Falsett-Größen wie Jeff Buckley, José Gonzalez und Patrick Watson – was noch nicht mal weit hergeholt ist. Sein Look ist hipstermäßig: Vollbart, Tätowierungen, Baseballkappe. Sein Gemüt offensichtlich zerbrechlich. Wie er so dasitzt, sich an seiner Gitarre festhält und diese herzerwärmenden, zärtlich-traurigen Balladen singt, von Roadtrips, von Liebe, von Einsamkeit – man mag ihn am liebsten tröstend in den Arm nehmen. Als hätte er die Melancholie erfunden.

Uptempo-Nummern sind rar. Dann nutzt er den Korpus der Gitarre zum Einspielen des Rhythmus’ und gibt in wiederkehrenden Loops seine eigene Band. Das Reduzierte des Solo-Auftritts fördert die Intimität. Barriol macht Musik zum Runterkommen: emotional und berührend. Seine Geschichte klingt auf den ersten Blick etwas klischeehaft. Barriol konnte eine der begehrten Genehmigungen ergattern, die es ihm erlaubten, in der Pariser Metro aufzuspielen und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es dauerte nicht lange, bis die Musikindustrie auf ihn aufmerksam wurde. Und auch Chris Baranowsky („Herr Horch“), der ihn beim Melodica Festival in Paris sah. Nun arbeitet Barriol an seinem ersten Album. Man wird ihn im Auge behalten. Oder zumindest im Herzen.

Etwas munterer nach der Pause der Auftritt von Ryan O’Reilly, einzusortieren als Singer-Songwriter angelsächsischer Folk-Prägung, mit einer Prise Americana. Eine Zuhörerin denkt spontan an den frühen Ed Sheeran und meint das durchaus anerkennend. O’Reilly kommt aus Irland, ist in Südengland aufgewachsen und lebt derzeit, wie so viele, in Berlin. Einige seiner Nummern werden bereits auf SWR3 oder FluxFM gespielt.

Der charismatische Wuschelkopf erzählt, die Mundharmonika um den Hals, in seinen Songs Alltagsgeschichten aus seinem Leben mit hohem Identifikationspotenzial. Etwa über das Gefühl, als er auf Facebook herausfand, dass seine Ex wieder vergeben ist. Oder über die tröstenden Worte seiner Oma: „Hab’ keine Angst vor Geistern.“ Poetisch, symbolisch, manchmal gehässig und mit schwarzem Humor. Stets mit schönen Melodien. O’Reilly nutzt den Laut-Leise-Kontrast, manchmal schreit er die Emotionen mit fragiler, rauer Stimme einfach hinaus. Und wenn er unplugged spielt, im Publikum steht, wie früher als Straßenmusiker, erntet auch er ganz großen Applaus.