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Alles im Griff: Panikrocker Udo Lindenberg fegt in einer pompösen Show über die Bühne.  Foto: Bockwoldt 

Immer älter, immer durchgeknallter: Udo Lindenberg gibt bombastische Shows in Stuttgart

Stuttgart. Die Shows von Udo Lindenberg werden immer bombastischer, ausgefallener, durchgeknallter. Bei den beiden Auftritten des Panikrockers am Wochenende in der Stuttgarter Schleyerhalle vor jeweils 12.000 Besuchern entsteigt er mit Raketen, mit viel Getöse und Donnerknall dem Weltall und landet auf der Bühne.

Und das Ende ist nicht weniger spektakulär: Als nach fast drei Stunden Non-Stop-Beschallung und den letzten Tönen zu „Odyssee“ Deutschlands wohl bedeutendster Rockmusiker genauso entschwindet, wie er aufgetaucht ist, beschließt eine Videoshow das Ganze, die es in sich hat: Spezialeffekte vermitteln den Eindruck, dass auf hoher See ein Orkan und meterhohe Wellen in den nächsten Sekunden jeden mitreißen.

Völlige Verausgabung

Mitreißend ist Udo in jeder Phase. Einfach unglaublich, wie ein Mann mit 73 Jahren pausenlos über die Bühne fegt und sich völlig verausgabt, dessen Lebensweg mit gefährlichen Alkohol-Exzessen gepflastert ist, die er beschreibt („Ich war auf mancher Intensivstation“) und besingt („Lady Whisky“). Immer wieder wirbeln viele kleine Udos mit den typischen Hüten um den großen Udo herum, entzücken leicht bekleidete, gertenschlanke Mädchen oder es werden zwischendurch zu dem Lied „Du heißt jetzt Jeremias“ als Werbung für gleichgeschlechtliche Ehen vor einer Dom-Kulisse Nonnen mit Nonnen und Priester mit Priestern vermählt. Putin- und Trump-Figuren lässt er zum 30 Jahre alten,noch immer brandaktuellen Titel „Ratten“ in einem Boxring aufeinander einprügeln.

Eine solche Pompös-Show ist freilich am 27. Juli nicht möglich, wenn Lindenberg mit seinem Panikorchester in der längst ausverkauften Klosterruine in Calw-Hirsau mit einem ganz anderen Programm und den drei Gewinnern seines Panikpreises aufkreuzt. Und doch ist das etwas ganz Besonderes und Intimes für das Rock-Idol aus dem westfälischen Gronau. Nachdem er die Stuttgarter als „die Sizilianer Deutschlands“ begrüßt hat, fügt er sofort hinzu: „Hallo Calw, ich habe so viele Freunde in der Hermann-Hesse-Stadt.“ Kurz vor dem Finale erinnert er noch einmal an die vielen kleinen Konzerte eben in Hirsau, in der Manufaktur in Schorndorf und und und. Für Überraschungen ist Udo immer gut: Zur Melodie „Englishman In New York“ von Sting, der am Donnerstag bei den Jazzopen in Stuttgart auftritt, stimmt er „Er ist nur ein kleiner Friesenjunge und wohnt hinter dem Deich“ an, ehe der „Friesenjunge“ Otto Waalkes leibhaftig auftaucht. Gemeinsam zelebrieren sie auf Deutsch den härtesten Rocksong des Abends: „Highway To Hell“ von AC/DC.

Mitten in die Herzen

Doch es geht auch ruhiger und nachdenklicher. Besonders bewegend: Sein neuestes Lied „Wir ziehen in den Frieden“ mit den „Kids on Stage“, quasi die Fortsetzung seines legendären Songs „Wozu sind Kriege da?“, das Udo und die Kinder natürlich ebenfalls vortragen. Und auch der Hit „Horizont“ trifft mitten in die Herzen. Jedenfalls zeigt der Deutsch-Rocker, dass er es „Durch die schweren Zeiten“ geschafft hat, dass er weiter „Mein Ding“ durchzieht und „Stärker als die Zeit“ ist.

Eine Frau aus dem Enzkreis hebt Udo unter der Hundertschaft an Mitwirkenden besonders heraus: Gitarristin Carola Kretschmer, geboren als Thomas Kretschmer, einst Mitglied der aufgelösten Heimsheimer Band Deadalous, die mit ihren fulminanten Riffs begeistert. Ein Karriereende des Panikrockers ist noch lange nicht in Sicht. Schon jetzt lädt er zu seinem Konzert zum 100. Geburtstag im Jahr 2046 in die Schleyerhalle ein und fragt in die Runde: „Ihr seid doch dabei?“