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Versprühen Lebensfreude: Salvador Sobral, André Rosinha (Kontrabass) und Bruno Pedroso (Schlagzeug). Foto: Müller
Versprühen Lebensfreude: Salvador Sobral, André Rosinha (Kontrabass) und Bruno Pedroso (Schlagzeug). Foto: Müller
03.05.2019

Jazz fürs Herz: Einstiger ESC-Gewinner Salvador Sobral reißt in Stuttgart das Publikum von den Stühlen

Stuttgart. Wie konnte das nur passieren? Dass dieser schlaksige Typ, der da in der Stuttgarter Liederhalle mit den Armen rudert, hüpft wie ein sich aufwärmender Fußballer und mit zuckenden Verrenkungen tänzelt, dass ausgerechnet dieser junge Mann 2017 den Eurovision Song Contest gewann?

Mit einer traurigen, zu Herzen gehenden Ballade – ganz ohne Plastik-Pop, Lasershow und Windmaschine. Salvador Sobral hat mit der entrückt-verschrobenen Performance nicht nur einen ganz eigenen Stil entwickelt. Er ist mit einer derart ausdrucksstarken Stimme gesegnet, dass er das berühmte Telefonbuch singen und selbst damit noch zutiefst berühren könnte.

Ohne den ESC-Sieg würde es einem portugiesischen Musiker wohl kaum gelingen, drei Jahre später viele Hundert Zuschauer an einem Dienstagabend mit Ticketpreisen von teils über 50 Euro in einen deutschen Konzertsaal zu locken. Mit Jazz. Stuttgart war nun die letzte Station seiner Deutschland-Tournee. Der bekennende Chet-Baker-Fan lässt sich von seinen Musikern auf die Bühne tragen und vors Mikro stellen. Júlio Resende am Flügel, André Rosinha am Kontrabass und Bruno Pedroso am Schlagzeug – klassische Jazz-Besetzung. Sie spielen Musik, die nicht so ruhig ist, wie die TV-Auftritte vermuten lassen.

Der mit einem Herzfehler geborene Sobral hat seine sehnlichst erwartete Transplantation erfolgreich hinter sich gebracht. Fröhlich, lyrisch, auch poetisch kommt der Auftritt in der Liederhalle rüber. Die Band startet mit „Change“ aus dem Debüt-Album „Excuse Me“. Da steht er, den Blick nach oben gerichtet, die Augen verschlossen. Sobral singt das spanische „Grandes Illusiones“ und „Presságio“ zu wogenden Klavierlinien facettenreich, dynamisch und sehr modulationsverliebt. Mal holt er die Töne aus seinem tiefsten Inneren, dann wieder direkt aus dem Kopf. Seine Stimme schmeichelt sich bei „Ela disse-me assim“ aus der Feder des brasilianischen Songwriters Lupicínio Rodrigues samtweich in die Gehörgänge, auch bei der vertonten Lyrik des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. Zwischendurch gibt es witzige Moderationen.

Der Musiker geht ganz in seiner Darbietung auf, überrascht mit dem flotten, poppigen „Playing With The Wind“, trommelt auf seinen Oberschenkeln, spielt Luftgitarre, berührt mit der Ballade „Nem eu“, singt mit vollem Vibrato eine Arie, rappt effektreich in die Tiefe des Flügels und spielt mit Silben, die irgendwie nach einer eigenen Sprache klingen.

Zu hören gibt es viel aus dem neuen, Wim Wenders und seiner Heimat gleichermaßen huldigenden Album „Paris, Lisboa“. Sobral parodiert eine Soul-Diva, intoniert auf dem Boden liegend mit „Confutatis“ Mozarts Requiem, schließlich ist man im Mozart-Saal – er ist schon ein lustiger Vogel. Immer wieder wird improvisiert, der sympathische Sänger liefert sich einen hitzigen Dialog mit dem Schlagzeug. Die bestens eingespielten Musiker glänzen mit Soli, die mit viel Szenenapplaus bedacht werden. Spätestens nach dem ESC-Hit „Amar Pelos Dois“ (Liebe für zwei) gibt es kein Halten mehr, die Zuschauer singen munter mit.

Zugabe auf Deutsch

Mit „Ay Amor“ endet der offizielle Teil, das komplett stehende Publikum erjubelt sich mehrere Zugaben. Am Klavier begleitet der Musikpoet sich selbst zu Max Raabes „Kein Schwein ruft mich an“, wird bei „Mano a Mano“ dann doch noch mal traurig, jenem sehnsuchtsvollen Song, in dem die Töne wie tanzende Regentropfen mit der Lyrik verschmelzen.

Nach knapp zwei Stunden reißt es bei „Anda estraga-me os planos“ mit seinem beschwingten, fröhlichen afrikanischen Groove die Leute erneut aus den Sesseln. Das Konzert endet mit ausgelassenem Tanzen vor der Bühne.