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Dem Journalisten Florian Schwinn (von rechts) erzählt Wolfgang Lauinger Episoden aus seinem bewegten Leben. Das Jazz Art Trio – Chris Rücker, Boris Frenzl und Bernd Stoll – begleitet. Foto: Molnar
Dem Journalisten Florian Schwinn (von rechts) erzählt Wolfgang Lauinger Episoden aus seinem bewegten Leben. Das Jazz Art Trio – Chris Rücker, Boris Frenzl und Bernd Stoll – begleitet. Foto: Molnar
Bettina Leder  Foto: Molnar
Bettina Leder Foto: Molnar
15.03.2016

Jüdisch, schwul und Jazzliebhaber: Unter den Nazis war Wolfgang Lauinger Verfolgter

Pforzheim. Es ist mäuschenstill, als Wolfgang Lauinger im Kulturhaus Osterfeld von seinem Schreckenserlebnis kurz vorm Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt. Der 97-Jährige hat sich im Sessel nach vorn gebeugt, spricht leise, wirkt aufgewühlt. „Als ich wieder aufgewacht bin, war ich bis zum Hals eingegraben“

, erinnert sich der gebürtige Frankfurter. Neben ihm waren alle tot, eine Frau mit Kind lag leblos auf seinem Schoß. Wolfgang Lauinger war am 23. Februar 1945 in einen Bombenangriff in Treuchtlingen geraten, den er als Einziger überlebte. Er hätte an die Front gesollt, zum Bau von Schützengräben. Sein Chef in Pforzheim hatte ihn vor dem sicheren Tod bewahrt, ihm eine Reisegenehmigung ausgehändigt. Das war um den 20. Februar herum. Im überfüllten Zug hatte sich der Sohn des jüdischen Journalisten Artur Lauinger auf den Weg gemacht, kam erschöpft in Treuchtlingen an. Als er sich mit Mühe befreit hatte und nach Pforzheim zurückkehrte, lag die gesamte Stadt in Trümmern. Auch von der Schraubenfabrik, bei der Lauinger nach dreimonatiger Haft durch die Gestapo Arbeit gefunden hatte, war nichts mehr zu sehen.

Mitglied der „Swing-Kids“

Wolfgang Lauinger hat ein bewegtes Leben hinter sich, wurde im „Dritten Reich“ als Mitglied der Frankfurter „Swing-Kids“ verfolgt und geriet auch nach dem Krieg ins Visier ehemaliger Nazis. Sie hatten nun als Richter das Sagen. „Es gibt zwei Dinge, die ich während des Nationalsozialismus nicht erwähnt habe: dass ich Halbjude und schwul bin“, sagt der geistig agile Mann im Gespräch mit dem Journalisten Florian Schwinn vom Hessischen Rundfunk.

Das Kulturhaus Osterfeld hatte Lauinger nach Pforzheim eingeladen – und mit ihm die Autorin Bettina Leder, die zwischen Musik und Gesprächsrunden aus ihrem Buch „Lauingers – Eine Familiengeschichte aus Deutschland“ über Vater und Sohn las. In sachlichem Ton rezitiert sie zum Beispiel Wolfgang Lauingers erste Verhaftung für einen Tag und eine Nacht. Friedlich, fast gemütlich sei das gewesen. „Man hat mir nichts getan, es hat mir auch nichts geschadet“, liest Leder über den damals Unter-20-Jährigen. Das änderte sich bald: Der geschiedene Vater wurde 1937 bei der „Frankfurter Zeitung“ entlassen, kam nach Buchenwald, konnte 1939 aber auswandern. Den Sohn ließ er zurück. „Er war deutsch von Anfang bis Ende. Die religiöse Angehörigkeit war für ihn nur Nebensache“, erzählt Lauinger. Sein Vater habe geglaubt, Hitlers Regime sei nur eine vorübergehende Erscheinung.

Alle werden verhaftet

Auch von seiner Begeisterung für den Swing erzählt der gelernte Werkzeugmacher, der bei den alten Standards des Jazz Art Trios mit Bernd Stoll (Saxofon), Chris Rücker (Bass) und Boris Frenzl (Gitarre) mit dem Fuß wippt: „Wir waren völlig harmlos und uninformiert.“ Doch einer nach dem anderen wurde verhaftet. Nach dem Krieg führte Lauinger ein komfortables Leben, wie Leder liest, hatte sogar ein Auto und konnte sich selbst ein Haus aussuchen. Bis gegen ihn Anzeige erhoben wurde: Wegen des Verdachts, gegen den „Schwulenparagrafen“ 175 verstoßen zu haben, kam er 1950 erneut hinter Gitter. Dieser war von den Nazis verschärft, 1969 abgeschwächt und 1994 abgeschafft worden. Ein spannender Abend, der am Wahl-Sonntag zu Denken gab.