Stuttgart. Lebensfreude und Optimismus – dafür steht Julia Engelmann. „Ich bin Julia, schreibe Gedichte und singe Lieder“, stellt sie sich in der Stuttgarter Liederhalle ihrem meist jungen Publikum vor. Deutschlands bekanntestes Gesicht und beliebteste Stimme unter den Poetry-Slammern ist eine Meisterin der Sprache und des Wortwitzes. Ein Star zum Anfassen, der kein Star sein will und den jeder duzen kann und soll.
Konfetti-Glückseligkeit
Sie liebt eine kuschelige Atmosphäre. Deshalb lässt sie ein Bühnenbild entwerfen, das einen Sternenhimmel, Lampions und eine Stadtsilhouette über den Dächern symbolisiert. „Wir halten kurz die Luft an, vergessen mal den Rest, dann setzen wir zum Sprung an. Herzlich willkommen, willkommen im Jetzt“, beginnt das erste ihrer Gedichte. Sie versprüht dabei gute Laune, garniert mit Konfetti, das sie unermüdlich aus einem Kübel fischt. Die einstige Psychologie-Studentin wirbt mit einem Schuss Philosophie dafür, mit sich selbst einigermaßen gnädig umzugehen, wie in ihrem Poem „Strukturen im Chaos“: „Schwächen machen die Menschen so schön, aber ich kann meine bei Tageslicht nicht seh’n.“
Immer wieder singt die in Elmshorn geborene und in Bremen aufgewachsene Frau zwischen ihren mündlichen Vorträgen, begleitet von den beiden Musikern Lukas und Martin (bei Julia sind Nachnamen entbehrlich). Dabei wäre ihr musikalischer Part angesichts eines eher bescheidenen Stimmvolumens verzichtbar. Aber wie soll man, bitteschön, mit Gedichten allein, zweieinhalb Stunden nonstop abwechslungsreich gestalten?
Julia und ihre Familie – Vater, Mutter und Bruder – hört ihr in der Liederhalle andächtig zu und tanzt begeistert mit – und hat eine Idee. Zwischendurch laden die drei sie zu einer Fragerunde ein. Dabei erfährt man einiges aus dem Leben der Wahl-Berlinerin. Zum Beispiel: „Ich brauche zwischen drei Stunden und drei Wochen für ein Gedicht.“ Oder: „Nie im Traum hätte ich gedacht, dass ich so erfolgreich werden würde.“ Dafür hat 2013 im Internet ein Video ihres Gedichtes „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“ gesorgt, angelehnt an das Lied „One Day“ des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan. Über zehn Millionen Mal wurde es auf YouTube aufgerufen. Seitdem ist Julia Engelmann die Poetry-Slammerin schlechthin. Sie beherrscht es, Schwieriges einfach und wohlklingend auszudrücken: „Dass sich etwas ändert, heißt nicht, dass ich es verlier`“, lautet eine ihrer Weisheiten. Julia Engelmann hat sich seit fünf Jahren verändert, aber wir verlieren sie nicht.
Auf ihrer Tournee ist sie auch am 3. Oktober in der Karlsruher Schwarzwaldhalle zu erleben.

