Künstliche Intelligenz
Wo endet die Inspiration, wo beginnt die Mitgestaltung? (Symbolbild)
Robert Michael/dpa
Bücher
KI in der Literatur: Wer schreibt hier eigentlich?

Ein Buch zu schreiben, war lange ein mühsamer Weg vom ersten Einfall bis zum gedruckten Exemplar. Künstliche Intelligenz verändert diesen Weg - und wirft Fragen auf, die weit über das Schreiben hinausreichen. Wie fair ist der Wettbewerb, wenn manche Autorinnen und Autoren KI nutzen und andere bewusst darauf verzichten? Wem wird die Urheberschaft zugeschrieben, wenn Mensch und Maschine an einem Text mitwirken? Und was macht literarische Leistung aus?

Zwischen Stigmatisierung und Standard

Der Literaturbetrieb sucht nach Antworten. Wie weit die Positionen dabei auseinanderliegen, zeigt ein Bericht im «Börsenblatt». Der Kinder- und Jugendbuchverlag Loewe kennzeichnet sein lieferbares Programm in Onlineshops demnach als «Ohne KI», nutzt Künstliche Intelligenz aber für kleinere Aufgaben im Arbeitsalltag, etwa bei Tabellen oder zur Weiterentwicklung von Ideen, wie Geschäftsführer Christoph Gondrom erläutert.

Bei C. H. Beck sieht Dirk Setton die Grenze dort, wo KI kreativ auf den Text einwirkt - eine Grenze, die sich in der Praxis allerdings kaum klar ziehen lasse, wie ihn das «Börsenblatt» zitiert. 

Einen Schritt weiter geht die französische Plattform Infinite Library. Sie bietet mit ihrem KI-Studio Bindery an, aus einer Idee ein Buch zu entwickeln und veröffentlichen zu lassen.

Die unterschiedlichen Positionen zeigen, wie der Literaturbetrieb um den Umgang mit KI ringt - und wie unterschiedlich die Vorstellungen davon sind, was als legitime literarische Leistung gilt.

Wenn unklar bleibt, wer schreibt

Wie schwierig sich die Rolle von KI bei der Entstehung eines Buches beurteilen lässt, zeigt der Fall des französisch-haitianischen Schriftstellers Thélyson Orélien. Sein Roman «C'était ça ou mourir» wurde wegen des Verdachts auf KI-Einsatz kürzlich aus der Auswahl für Frankreichs renommierten Prix Goncourt gestrichen.

Thélyson Orélien
Welche Rolle hat KI für den Roman von Thélyson Orélien gespielt? (Archivbild)
Joel Saget/AFP/dpa

Der kanadische Verlag des Autors, Éditions du Boréal, beendete später die Zusammenarbeit mit ihm. Eine externe Analyse hatte Hinweise auf KI-Markierungen in den Metadaten einzelner Arbeitsfassungen ergeben. Zugleich räumte der Verlag ein, dass das Ausmaß der Nutzung ungeklärt bleibe.

KI mit klaren Regeln?

Orélien bestreitet jedenfalls, den Roman mit KI geschrieben zu haben. Gegenüber der französischen Zeitung «Libération» erklärte er, KI nur für Recherchen genutzt zu haben. Die Geschichte sei seine eigene und zugleich die vieler Haitianer, betonte der 38-Jährige. Sie handelt von Flucht, Migration und Überleben.

In Deutschland soll das Buch eigentlich im Juni 2027 unter dem Titel «Es war das oder sterben» bei Rowohlt erscheinen. Dem Deutschlandfunk zufolge will der Verlag nun aber zunächst mit dem Autor sprechen, bevor er über die Veröffentlichung entscheidet.

Der Fall zeigt, wie schwierig es ist, faire Regeln zu finden. Wie lässt sich ein Wettbewerb gewährleisten, in dem Werke nach nachvollziehbaren Maßstäben beurteilt werden, wenn unklar ist, welche Rolle Künstliche Intelligenz bei der Entstehung eines Manuskripts gespielt hat? Reicht eine Erklärung des Autors? Welche Belege braucht eine Jury? Und wie lässt sich verhindern, dass ein Verdacht zum Urteil wird?

Mensch und KI als literarisches Team

Einen anderen Blickwinkel auf das Thema liefert der in Frankreich neu geschaffene Prix Pascal. Dieser will explizit Werke auszeichnen, die Menschen gemeinsam mit KI-Systemen verfasst haben. Bewerber müssen neben ihrem Manuskript Angaben zu den verwendeten Modellen und Prompts einreichen. Eine Jury soll die literarische Qualität beurteilen; die ausgezeichnete Arbeit soll veröffentlicht werden. Die Preisverleihung ist für Anfang Dezember geplant.

Während der Fall Orélien die Folgen zeigt, die ein KI-Verdacht haben kann, macht der Prix Pascal die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine zum Ausgangspunkt. Doch ob KI-Nutzung zum Ausschluss führt oder Voraussetzung für eine Auszeichnung ist: In beiden Fällen stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien literarische Leistung beurteilt wird - und wie transparent die Regeln sein müssen.

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In der Debatte geht es auch darum, wie fair Wettbewerb ist, wenn manche Autorinnen und Autoren KI nutzen und andere bewusst darauf verzichten- (Symbolbild)
Helena Dolderer/dpa

Was macht literarische Leistung aus?

Dass der neu geschaffene Preis den Namen Blaise Pascals trägt, ist mehr als eine historische Referenz. Der französische Philosoph und Mathematiker entwickelte im 17. Jahrhundert eine mechanische Rechenmaschine und hinterließ mit den «Pensées» («Gedanken») bedeutende philosophische und theologische Überlegungen.

Der Literaturwissenschaftler Laurent Thirouin kritisiert jedoch die Namenswahl. In «La Croix» erinnert er daran, dass Pascal auch die Grenzen seiner Maschine erkannte: Sie konnte Aufgaben erleichtern, ohne selbst denken zu müssen.

Für Thirouin gilt das auch für KI-Texte: Überzeugende Sprache bedeute nicht zwangsläufig, dass eine Maschine deren Bedeutung verstehe. Literarische Bedeutung liege nicht allein in den Worten, sondern auch im Denken dahinter, meint der Literaturwissenschaftler.

Damit geht es in der Debatte nicht nur um neue Werkzeuge, sondern um geistige Urheberschaft - und um die Frage, nach welchen Maßstäben literarische Leistung beurteilt wird.

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