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Bei Hagen Rether bleibt den Zuschauern das Lachen oft im Halse stecken. Roller
Bei Hagen Rether bleibt den Zuschauern das Lachen oft im Halse stecken. Roller
08.02.2019

Kabarettist Hagen Rether plaudert im Remchingen über Bundes- und Weltpolitik

Er ärgert sich. Es sei genau das passiert, wovor „linksliberale Öko-Multi-Kulti-Spinner“ immer gewarnt haben. Und trotzdem wundere man sich. Hagen Rether kann das nicht verstehen. Vieles sei vorhersehbar gewesen. Jugendzentren wurden dicht gemacht, Stellen für Sozialpädagogen gestrichen, Sozialwohnungen verkauft und stattdessen in die Wirtschaft investiert. „Wir waren doch dabei die letzten Jahrzehnte“, sagt er, ohne laut zu werden, ohne Groll oder Wut in der Stimme. Entspannt plaudert er in der Remchinger Kulturhalle vor sich hin. Fast so, als würde er von seinem letzten Urlaub erzählen.

Tatsächlich geht es um große gesellschaftspolitische Themen. Um Donald Trump, neben dem George Bush wie ein „übersensibler Literaturwissenschaftler“ wirkt. Und um ein politisches Klima, in dem es als Beleidigung gilt, als Intellektueller oder Bildungsbürger bezeichnet zu werden, in dem Polizisten, Feuerwehrmänner und Sanitäter sich bei der Arbeit bespucken lassen müssen. „Wann ist uns eigentlich die Empathie abhandengekommen?“, fragt Rether, der im schwarzen Jackett neben einem Flügel lässig im Bürostuhl sitzt. Früher, als die Deutschen nichts hatten, schenkten sie dem Millionsten Gastarbeiter noch ein Moped. „Heute zünden wir den Flüchtlingen schon mal vorsorglich die Häuser an.“

Rether sorgt sich um das gesunde Schamgefühl, um die Hornhaut, die viele Menschen mittlerweile auf der Seele haben. „Wir sind ethisch noch Neandertaler, haben aber schon ein Laserschwert in der Hand.“ Rether geht es um Grundsätzliches. Er hat die Nase voll vom Neoliberalismus, in dem sich alles um Gewinnmaximierung dreht, in dem der Konsum im Mittelpunkt steht, in dem sich Paketboten wie Sklaven fühlen und Maßlosigkeit als Freiheit missverstanden wird. „Wir leben in einer Konsum-Diktatur, haben aber panische Angst vor einer Öko-Diktatur.“ Rether legt den Finger nicht nur in die offene Wunde, sondern bohrt so lange darin, bis es wehtut. Schonungslos prangert er den Einfluss von Lobbyisten auf die Politik an, den alltäglichen Rassismus, die scheinheilige Sexualmoral. Und er wirbt für den Verzicht auf Fleischprodukte. Auch, wenn Metzger arbeitslos werden. Ihm egal. „Es gibt auch keine Kutschenbauer mehr.“

Rether stellt Zusammenhänge her zwischen Konsum und Flüchtlingszustrom: „Unsere Lebensweise ist deren Fluchtursache.“ Er ärgert sich über unterkomplexe Kritik an „denen da oben“. Stattdessen fragt er: „Was ist unser Anteil an der Misere?“ Und ruft dazu auf, wählen zu gehen. Denn: „Wählen ist wie Zähneputzen: Wenn Du es nicht machst, wird es braun.“