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Live und mit Publikum – das gab’s eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr: Konstantin Wecker auf der Open-Air-Bühne der Kulturhalle Remchingen.  Foto: Moritz 
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Authentischer Typ: Konstantin Wecker liest aus seiner Biografie. 

Konstantin Wecker startet Live-Programm der Kulturhalle Remchingen

Remchingen. Melancholisch und traurig, wortwitzig und hintergründig, selbstironisch und nachdenklich, politisch und poetisch, auch mal protzig und pathetisch. Ja, so toll kann Live-Kultur sein. Dargeboten von Konstantin Wecker – Rebell, Anarcho, Schreck des Bürgertums und Lyriker. Der 74-Jährige war an diesem Freitagabend bei perfektem Wetter auf die Open-Air-Bühne der Kulturhalle Remchingen gekommen, um vor 170 Gästen aus seiner Biografie „Das ganze schrecklich schöne Leben“ zu lesen, Gedichte vorzutragen und ein paar Lieder anzustimmen.

Man hatte es ja fast vergessen, wie sich das anfühlt, vor einer Bühne zu sitzen, einem Künstler applaudieren zu können. Auch Wecker war die Freude anzumerken, „richtige Menschen“ zu sehen, statt einen Stream in die virtuelle Welt zu senden. „Wir haben das alles viel zu selbstverständlich genommen“, sagt er. Und beginnt in der Kindheit mit einem Lobgesang auf seine Eltern, streift die Kunst des Scheiterns, erzählt, wie er als später Vater das kindliche Staunen wieder gelernt hat, die Wiederentdeckung des Wunderbaren, und spart auch seine Drogenabhängigkeit und den Knast-Alltag nicht aus.

Unter die Haut geht auch Weckers Reflexion darüber, warum Kultur den politisch Verantwortlichen hierzulande nicht als systemrelevant gilt. Es liege wohl in der Natur des Widerständigen, des Nicht-Stromlinienförmigen. Kultur könne aufwühlen, Verängstigte zu freiem Denken, zu kritischem Hinterfragen animieren. Immer wieder springt er auf, nach vorne an den Bühnenrand, und singt a capella. Nach 75 Minuten auch sein tröstendes „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ – eine Hymne der Hoffnung, so ungemein passend zur Gesamtstimmung. Auf dass die Pandemie doch bitte enden möge. Das Publikum feiert den berührenden, gelungenen Abend mit Jubel und Applaus. Wie schön sich das doch wieder anhört.

Michael Müller

Michael Müller

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