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Walter Appenzeller mit den Porträts seines Vaters Erich (rechts) und seines Großvaters Friedrich.
15.03.2019

Lebenslanger Wunsch nach Frieden: Umfangreiches Werk von Erich Appenzeller

Pforzheim. Er gehört zu jenen Männern der verlorenen Generation: 1919 in Pforzheim geboren, waren Kriegserlebnisse und der Wunsch nach Frieden prägend für das Leben des Künstlers Erich Appenzeller. Und sein Lebensweg sollte gleich mehrere Volten schlagen.

Als Sohn von Friedrich Appenzeller, Stahlgraveur bei der Pforzheimer Firma Lutz & Weiß, besucht der künstlerisch begabte Junge die Realschule, die er im Juni 1932 wieder verlassen muss, da seine Eltern das Schulgeld nicht mehr aufbringen können. Von 1934 bis 1937 dann die Mechanikerlehre und – unweigerlich – nach dem Arbeitsdienst der Weg an die Front an in Russland, Appenzeller überlebt, kehrt im August 1945 aus italienischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Pforzheim, wo ein Großteil der Familie im Bombenhagel des 23. Februar gestorben ist.

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Zurück an die Werkbank kann und will Appenzeller nicht mehr. Und so beginnt er im Sommersemester 1946 mit dem Studium an der Kunst- und Werkschule Pforzheim – bei Erwin Aichele, Curth Rothe und Willi Seidel. Doch der 29-Jährige will mehr: 1948 nimmt er sein Studium auf an der Badischen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe – bei Otto Laible, Wilhelm Schnarrenberger und Erich Heckel, der ihn stark beeinflusst. Und einen engen Kontakt zu seinem Schüler pflegt: „Erich Heckel kam immer mal wieder nach Dietlingen, um hier bei unserem Opa den guten Mirabellenschnaps zu kaufen“, erinnert sich Walter Appenzeller. Doch wie leben von der Kunst und eine Familie unterhalten? Erich Appenzeller wählt einen eigenen Weg: Er holt während des Kunststudiums sein Abitur am Abendgymnasium nach, schließt ein Biologie-Studium an. Wird Lehrer – zuerst am Kepler-Gymnasium und dann am Reuchlin. Doch neben dem Brotberuf gilt seine Liebe der Kunst: Er malt, zeichnet – gerne auch die Familienmitglieder. „Stundenlang“, schildert Walter Appenzeller, habe er mit Bruder und Schwester stillsitzen müssen – als Modell für den Vater.

Figurative Bilder in der Nachkriegszeit, die noch den Geist der „Brücke“-Künstler atmen? Auch Appenzeller versucht sich an der Abstraktion – ohne wirklich den letzten Schritt zu vollziehen.

Denn im Hintergrund lauern wohl noch immer die Kriegserlebnisse: Er malt Soldaten, eng zusammen und ins schmale Hochformat gepresst. Ohne Gesichtszüge, ohne Emotionen. „Semper idem“ – immer dasselbe – nennt er das in den 1950er-Jahren entstandene Bild. Drei Jahrzehnte später bewegt ihn die Sorge um eine wieder kriegerischer werdende Welt in Bildern wie „Stunde Null“ und „Peacemaker I“ – mit einer aggressiven Ansammlung von Pershing-Raketen.

Stille, in sich gekehrte Menschen- und Selbstporträts sprechen von der genauen Beobachtungs- und Einfühlungsgabe des Künstlers. Bunte Mosaike und zahlreiche ausdrucksstarke Glasfenster – in der Langenalber Kirche, im Ellmendinger Gasthaus „Ochsen“, im heimischen Wohnzimmer am Ispringer Pfad – von seiner Vielseitigkeit.

Doch Appenzeller kann auch anders: heiter, ironisch, verspielt. Da gibt es knubbelige Keramikfische und einen krähenden Hahn. Und da sind die vielen Eindrücke von Reisen, etwa von den Besuchen im französischen Künstlerort Colliure und am katalanischen Castell de Quermançó. Immer wieder malt und zeichnet er auch seine Heimat – den Dietlinger Steinbruch, die Birkenfelder Mühle, den „Monte Scherbelino“, das Haus im Grünen. Im Ruhestand, den er als Oberstudienrat auf eigenen Wunsch 1982 antritt, und nach überstandenem Herzinfarkt, widmet er sich immer wieder auch seinen Blumenstillleben. Der Garten, der Weinberg, die Natur und vor allem die Pflanzen führen ihn zurück zu den Anfängen, als er als junger Student an der Kunst- und Werkschule mit präzisen Pflanzenstudien schon sein großes künstlerisches Vermögen erkennen lässt. Erich Appenzeller, geboren am 12. März 1919. stirbt am 2. April 1991 in seiner Heimatstadt.