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Nora Gomringer, eine Meisterin in der Kunst des Vorlesens, links Gastgeber Gerhard Baral.  Foto: Kindlein 

Lesung der Lyrikerin Nora Gomringer im Wohnzimmer der Familie Baral

Pforzheim. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, nicht alleine hier hoch zu müssen“, gesteht die an allen Fronten des Literaturbetriebs, von der Schule über die Goetheinstitute weltweit bis zur finsteren Eckkneipe, erprobte Lyrikerin Nora Gomringer beim Betreten des Hauses in der Pforzheimer Südstadt dem Autor dieser Zeilen.

Zu seiner großen Verwunderung, denn seit über 20 Jahren singt, rezitiert, übersetzt die Bachmann-Preis-Gewinnerin und bringt so Menschen bei Auftritten Gedichte näher, oftmals auch mit Partnern, die sie musikalisch begleiten.

Doch die Situation hier ist eine besondere: Geladen ist in eine Privatwohnung – in die des Ehepaares Heike Reisner-Baral und Gerhard Baral – 25 Besucher, die je nach Gusto Geld spenden können für DocMobile – Medical Help! Das Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, da zu helfen, wo es wirklich nötig ist. Etwa bei Flüchtlingsprojekten in Griechenland und Projekten in Bangladesh. Im Rahmen der Initiative „Autoren helfen“ hat Nora Gomringer nun der Goldstadt einen Besuch abgestattet.

Man wisse eben nie, was einem da so alles in einem solch privaten Ambiente erwartet, so die Bambergerin mit deutschem und schweizerischem Pass. Aber in Windeseile kehrt eine entspannte, vertrauliche Stimmung in die Wohnung ein und nach einleitenden Worten durch die Hausherrin – „Gomringer ist eine wirkliche Buchstabenkünstlerin“ kann in der Wohnung der Barals der Parforceritt durch die Welt der Lyrik beginnen. „Norma Gomringer macht das Gedicht. Aus.“ – so die Losung.

Fließend leicht

Und los geht’s – einen Stapel Bücher neben sich – mit Heine, gesprochen mit einer ebenso großen Leichtigkeit wie Präzision, die in Zeiten sprachlicher Verhunzung ihresgleichen sucht. Fließend, schwebend, rhythmisch ihr Ausdruck über den gesamten Abend – auch leuchtet in manch einer Wortkaskade die Erfahrung der weitgereisten Künstlerin etwa mit der amerikanischen Performance-Poetry-Szene auf. Und immer bei ihr Thema: die Vernichtungslager, wie die menschlichen Abgründe überhaupt. War doch ihr Großvater mütterlicherseits ein hoher SS-Mann in einem solchen Lager, der väterlicherseits „Kolonialschweizer“ in Südamerika. „Es war ein Riegel, und es war Luft, und es war Hitze, ein Geruch von Scham: „Au – schwi – tz“.

Doch moralinsauer wird’s bei der Gomringer nie: So erzählt sie von der Auftragsarbeit für das Behandlungszimmer eines Frauenarztes: „Aufgeklappt schaue ich Ihnen niemals in die Augen, Madam“, so der Satz, welcher über dem Gynäkologenstuhl von der Decke prangt.

Auch erzählt die Direktorin des größten deutschen Künstlerhauses, der Villa Concordia in Bamberg, in dem sie auch wohnt, gerne vom Prozess des Schreibens: So würden Gedichte im Laufe der Jahre auch immer wieder verändert in Folge-Auflagen. Gehöre sie doch glücklicherweise zu den wenigen Lyrikerinnen hierzulande, die überhaupt weitere Auflagen erleben dürften.

Walter Kindlein

Walter Kindlein

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