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Apokalyptischer Reiter, sein Gesicht wegen eines unsichtbaren Feindes vermummt: Uli Ganter entwickelt seine Motive beim Malen, hier zwischen Stadttheater und CCP.  Foto: Moritz 
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Macht die Nordstadt etwas bunter: Tina Gruschwitz.  Foto: Moritz 
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Sibylle Burrer (links) und Angelika Drescher präsentieren die von der Pforzheimer Künstlerin Anina Gröger gestaltete Litfaßsäule unweit des Reuchlinhauses.  Foto: Moritz 
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Coronaviren und Totenköpfe: Alfred Müller sprüht vor Ideen.  Foto: Moritz 

Litfaßsäulen des Kulturrats werden zur Leinwand für Künstler der Region

Pforzheim. Gähnende, weiße Leere auf den Litfaßsäulen des Kulturrats. Wo sonst bunte Plakate leuchten, sich drängen und die ganze Vielfalt der Veranstaltungen in Pforzheim um Aufmerksamkeit heischt, zeugen nur noch ein paar letzte, einsame Plakate von den Zeiten vor der Pandemie. Wie übrig geblieben aus einer anderen Welt. Bis jetzt.Künstler aus der Region gestalten dieser Tage die Säulen um. Am Straßenrand haben sie Leitern aufgebaut und legen Hand an, um ihnen ein neues Gesicht zu geben. Eine Aktion des Pforzheimer Kulturrats schafft Irritationen und Hingucker.

Die Künstler sprayen, malen, zeichnen und kleben. Nur eins haben alle gemein, den Slogan: „Kulturrat kreativ, Spenden willkommen über www.pforzheimer-kulturrat.de“.

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Künstler bemalen Litfaßsäulen des Pforzheimer Kulturrats

15 Künstler setzen die Aktion der Sektion Bildende Kunst im Kulturrat um. „Das Weiß sah zwar auch ganz nett aus. Wir wollen aber zeigen, dass die Kulturlandschaft weiter kreativ ist“, sagt Sektionssprecherin Sibylle Burrer. Die Lage sei klar: Ausstellungen sind abgesagt, Honorare fallen weg. Da hätten Andreas Mürle, Geschäftsführer des Kulturhauses Osterfeld, Puppenspieler Raphael Mürle vom Kulturrat und Christine Müh, Geschäftsführerin des Kommunalen Kinos, eine Idee aufgegriffen, wie man etwas für die bildenden Künstler tun könne. Sie seien auf Burrer zugegangen – und die Aktion kam ins Rollen.

Unterschiedliche künstlerische Ansätze

Tina Gruschwitz ist in der Nordstadt aktiv. „Das großflächige Format, der Standort und die Rundung stellen eine Herausforderung dar“, sagt sie. Schön seien die Reaktionen einiger Passanten, die sich sichtlich freuten. In ihrer Arbeit verbindet sie fließende Linien mit organischen Formen, inspiriert von Wasser in seinen verschiedenen Zuständen: flüssig, gasförmig und kristallin.

Uli Ganter entwickelt seine Motive oft beim Malen. In diesem Falle: drei Reiterfiguren. Die Spinnenbeine der Pferde greifen die Schlankheit der Säule auf. Dem „kosmischen Zugriff“ widmet sich Eckhard Bausch. „Um so etwas Ähnliches handelt es sich ja in der Coronakrise. Vielleicht ist es wirklich eine Reaktion auf die ungebremste Ausbeutung unseres Planeten“, sagt er. Alfred Müller sprüht Graffiti-Totenköpfe und -Coronaviren. Sein Motto: Corona sucks (nervt). „Ich denke, bald werden die meisten die Nase voll haben davon, zu Hause zu sitzen“, sagt Müller, dem die Isolation zu schaffen macht.

Einer bessert seine Litfaßsäule erst mal mit weißem Papier aus, um darauf arbeiten zu können: Thematisch hat Thomas Ochs sich mit den „Formen der Angst vor dem Virus“ beschäftigt und erstellt dazu Zeichnungen und Illustrationen. „Die Aktion finde ich die richtige Antwort auf die trostlose Leere der Säulen“, sagt Ochs.

Bodenständiges auf Augenhöhe des Betrachters

Auch Harald Kröner ist angetan vom Projekt. „Das hat was zutiefst Bodenständiges, auf Augenhöhe mit den Leuten, direkt, gemeinschaftsstiftend“, sagt er. Er wolle seine Säule als Sprachrohr nutzen. Mit einer Art Poster, einem Bild von einer Collage mit der Schrift „Isolated“. Auf seinem Netz aus schwarzen Linien bleibt viel vom „jungfräulichen Weiß“ erhalten, oben zwei Fragen. Spannend dabei: Wird die Arbeit kommentiert, korrigiert, verändert, beantwortet?

Theresa Reutter geht es ums Machen. „Die Malerei auf der Säule habe ich weder vorbereitet noch durchdacht.“ Allein ihre Hand, die Farben und auch die Beteiligung von Passanten lenken ihr Tun. Die Idee stamme im Ursprung von ihr und es freue sie, dass der Kulturrat sie aufgegriffen hat. Bereits 2013 hat Reutter Kultursäulen in der Stadt bemalt. Eine positive Ausstrahlung haben Gabriele Münsters bunte Figuren. Sie warten auf die Zeit „danach“, wenn das kulturelle Leben wieder aufblüht. Die Aktion soll ins Bewusstsein rufen, „dass alle Kulturschaffenden da sind und sich Gedanken machen, wie es weitergeht“, sagt Münster. Einen ähnlichen Ansatz – wenn auch ganz anders realisiert – verfolgt Janusz Czech. Seine Plakate zeigen ein Segelschiff vor Indus-trielandschaft und das Mantra: Glaube, Liebe, Hoffnung. „Wir haben die letzten Jahre über unsere Verhältnisse gelebt“, analysiert Czech. Nun gelte es, intensiv nachzudenken, auch über Werte. „Die Situation ist eine Tragödie, man sollte aber auch eine Chance darin sehen.“ An diverse Gattungen erinnert Anina Gröger: Marionettenbühne, Theater, Akrobatik, Malerei, Musik – in der ihr eigenen, typischen zeichnerischen Handschrift. Sie will Mut machen und transportieren: „Wir alle sind bald wieder live für Sie da.“

Für ihren Aufwand bekommen die Kreativen 300 Euro. Fünf Säulen finanziert das Kulturamt, sieben der Kulturrat, drei dessen Sektion Bildende Kunst. „Wer noch nicht Mitglied war, wird es durch die Aktion“, so Burrer. Derzeit seien es etwa 50. Sie selbst bildet auf ihrer Säule aus Dreiecken, Qua-draten und Kreisen die Worte „Kultur“, beim gemeinsamen „R“ treffen sie sich. „Kultur heißt für mich: Gemeinschaft gestalten.“

Das Kulturamt unterstützt diese kreative Idee, auch finanziell, sagt Amtsleiterin Angelika Drescher. „Durch diese Aktion bleibt das Kulturangebot in unserer Stadt sichtbar, und die Passanten sind sicherlich dankbar über Unterhaltung auf diese Weise.“

Hier befinden sich die Litfaßsäulen

Markus Feifel Pargas (Stadtbibliothek Haupteingang)

Eckhard Bausch (vor dem „Café Pasler“, Am Waisenhausplatz 4)

Christoph Grosse (Treppenabgang am Schloßberg bei C&A)

Theresa Reutter (Bahnhofstraße 20)

Claudia Reutter (Sparkasse, Habermehlstraße 20)

Sibylle Burrer (Turnplatz/Jahn-straße)

Janusz Czech (zwischen Galeria Kaufhof und Ex-Sinn-Leffers)

Harald Kröner (Leopoldplatz, Höhe Deutsche Bank)

Thomas Ochs (Leopoldstraße 18, Ecke Zerrennerstraße)

Gabi Münster (Ludwigsplatz Dillweißenstein)

Uli Ganter (Stadttheater)

Tina Gruschwitz (Zähringerallee Ecke Hohenstaufenstraße 1)

Fabian Faylona (Haupteingang Jahnhalle)

Alfred Müller (Östliche 9, gegenüber dem Alten Rathaus)

Anina Gröger (Reuchlinhaus)