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In seinen diversen Selbstporträts wirkt van Gogh stets älter – wie hier 1887, da war er gerade mal 34. Art institute of Chicago 

Maler, Marke, Mythos: Im PZ-Forum auf Vincent van Goghs Spuren

Er war der Maler der Sonne, der Kornfelder und der Sonnenblumen. Und kaum einer wurde posthum so verklärt wie Vincent van Gogh (1853–1890). Das Frankfurter Städel Museum hinterfragt noch bis Februar die Entstehung der Mythen, die sich um den heute bisweilen kultisch verehrten Maler ranken. Die umfangreichste Präsentation mit Werken von Vincent van Gogh seit fast 20 Jahren in Deutschland erzählt auch von seiner Rolle als Vorbild der Expressionisten und Vorreiter der modernen Malerei in Deutschland. Allein 50 Bilder sind von van Gogh. Dazu kommen viele weitere Werke von Künstlern wie Max Beckmann, Alexej von Jawlenski, Gabriele Münter oder Paula Modersohn-Becker. Im ausverkauften PZ-Forum hat Kunsthistorikerin Claudia Baumbusch die „spektakuläre Ausstellung“ am Dienstagabend vorgestellt.

Der Ausgangspunkt liege in der eigenen Sammlung des Städel, zählte es doch zu den ersten Häusern in Deutschland, die in den Jahren 1908 und 1911 Werke von van Gogh erwarben. „Heute betrachtet das Städel den Maler sehr differenziert und will auch neue Besucherschichten ansprechen“, sagt Baumbusch. Tanzen und trinken zwischen den Arbeiten – Disco-Veranstaltungen und Podcasts seien Beispiele für diesen Versuch.

Kein armer,verkannter Künstler

Die Kuratoren Alexander Eiling und Felix Krämer räumen in „Making Van Gogh“ mit einigen Mythen auf: Er war nämlich nicht der arme, verkannte Maler – was unter anderem aus seinen Briefen hervorgeht. Zeit seines Lebens hatte er finanzielle Unterstützung, vor allem durch seinen jüngeren Bruder Theo als wichtigste Stütze. Wie sehr der Maler wirklich unter psychischen Problemen gelitten hat, werde wohl nie ganz geklärt.

Ein weiteres Ergebnis der Frankfurter: Der Van Gogh habe keineswegs rauschhaft und ohne Plan gearbeitet. Im Gegenteil. „Er hat sich intensiv Gedanken über seine Motive und deren Umsetzung gemacht“, so die Kuratoren. Van Gogh reflektierte sein Schaffen also durchaus. Baumbusch zeigt einen Querschnitt durchs Werk und die wichtigsten Entwicklungslinien auf. Nicht selten ertönt bei besonders bekannten, farbintensiven Gemälden wie der „Sternennacht“ (1889) ein freudiges Raunen im PZ-Forum.

Die Kunsthistorikerin illustriert zunächst, wie van Gogh zu diesem kontrastreichen, satten Farbauftrag gelangte. Der belesene Pfarrersohn stammte aus einem gebildeten, bürgerlichen Umfeld. Calvinistisch geprägt, wandte er sich vor allem sozialreformatorischen Themen zu wie bei den „Kohleträgerinnen“ (1882) oder entwickelte – eine Parallele zu Cézanne oder Picasso – ein Faible für die Darstellung bäuerlichen Lebens, zu sehen in den „Kartoffelessern“ (1885), das als sein erstes Meisterwerk gilt, und im „Sämann“ (1890). Dabei kämpfte der Niederländer sein Leben lang mit dem Makel seiner fehlenden Ausbildung. Van Gogh war weitgehend Autodidakt. Doch genau das, sein ewiger Kampf mit der Materie, habe ihn auch so interessant gemacht, für Käufer wir für die deutschen Expressionisten. Brücke-Maler wie Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff ließen sich von einer Vincent-Ausstellung 1905 in Dresden inspirieren.

Unstetes Leben

Van Gogh zog in 37 Lebensjahren 22 Mal um. Dieses unstete Leben hatte Einfluss auf sein Werk. Ob es die alten niederländischen Meister in Den Haag waren, die Dächer von Paris, die seinen Blick hin zu langen Farbstrichen und impressionistischer Anmutung veränderten, oder das Umfeld seines Ateliers in Arles, wo in Gemälden wie dem „Gemüsegarten“ (1888) das Lokalkolorit zugunsten satter Farben zurückwich. Unter der Sonne der Provence entstanden 170 Arbeiten, viele voller Komplementärkontraste. Seine Wahrnehmung schien allein von Farben geprägt, so Baumbusch.

Nachdem er sich ein Ohr abgeschnitten hatte, bat van Gogh seinen Bruder, ihn in eine Heilanstalt einzuweisen. Auch in Saint-Rémy entstanden binnen eines Jahres zahlreiche Arbeiten. „Kunst ist seine Fluchtmöglichkeit“, sagt Baumbusch. Neben den vielen Landschaften, die im aufgewühlten Duktus seine unstete Gemütslage zum Ausdruck brachten, war diese Phase der Auftakt zu seinem ausdrucksstarken, „bewegten Stil“, der den Expressionismus schließlich vorweggenommen hat.

Kunstfahrt ins Städel Museum

Die Fahrt mit Claudia Baumbusch ins Städel Museum nach Frankfurt findet statt am Samstag, 30. November. Anmeldungen beim Pforzheimer Reisebüro, Bahnhofstraße 9, Telefon (0 72 31) 30 22 12,

E-Mail: gruppen@lcc-pforzheim.de. Die Schau ist noch bis 16. Februar zu sehen im Städel am Schaumainkai 63: dienstags und mittwochs sowie samstags und sonntags von 10 bis 19 Uhr, donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr. Eintritt 16, am Wochenende 18 Euro.

Michael Müller

Michael Müller

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