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Die Schauspielerin Marianne Sägebrecht tanzt mit dem Sänger Patrick Lindner am Abend vor ihrem Auftritt im Mühlacker Uhlandbau.  Foto: Kalaene 

Marianne Sägebrecht gastiert im Mühlacker Uhlandbau

Mühlacker. Sie wollte eigentlich Hebamme werden, um das Leben zu preisen. Lernte den (verwand-ten) Beruf einer medizinisch-diagnostischen Assistentin, arbeitete bei einem der Homöopathie zu-neigenden Ganzheitsmediziner und propagiert seither die Balance saurer und basischer Milieus menschlicher Körpersäfte.

Später ist sie Wirtin einer Künstlerkneipe in München-Schwabing, gründet das Revuetheater „Opera curiosa“, wird von Percy Adlon als Naturtalent für den Film („Die Schaukel“) entdeckt und eine gefragte Schauspielerin. Heute lebt sie – geschieden und glückliche Oma einer Patchwork-Familie – in Bernried am Starnberger See, wo man anfangs nichts mit der „Promi-Tussi“ zu tun haben wollte: „Die dachten, ich halte mich für was Besonderes. Aber so bin ich nicht. Ich rede mit den Menschen so wie sie und trage mein Herz auf der Zunge“. Die Stimmung wendete sich, eine Bäuerin hat ihr sogar versprochen: „Du kriegst amol a Marterl (ein hölzernes Gedenkkreuz mit Bild), weil Du so lieb bist.“

Eben das macht Marianne Sägebrecht auch für das zahlreiche Publikum im Mühlacker Uhlandbau so sympathisch. Dort hat sie auf der Bühne hinter einem schwarzen Lesepult Platz genommen, zusammen mit ihrem musikalischen Begleiter Ralf Glenk ihr Programm „Frühlingserwachen“ zelebriert und aus ihrer nicht einfachen Biographie erzählt. Sie ist eine manchmal ein wenig verwirrte ältere Dame – mit ihrem Auftrittsort Mühlacker?, Mühlenacker??, Möklenbruck??? hat sie ihre Schwierigkeiten, vermutet hier ein schönes Schloss und glaubt, dass an der Enz schon die Kirschbäume blühen, präsentiert sich aber stets liebenswert, zuweilen esoterisch versponnen, geistreich-philosophisch und pointiert zugespitzt witzig. Genauso sind ihre vorgetragenen Texte, die etwa den Klimawandel auf die Hitzewellen der 33 Millionen Frauen in Deutschland zurückführen, die sich im Klimakterium befinden; oder ihren letzten Geburtstagskuchen unter der Last von 72 Kerzen kollabieren lassen.

Originell sind auch die Zitate aus ihrem neuen Buch „Auf dem Weg nach Surinam“, das von Abenteuern aus ihrem Traumland berichtet, und die Verszeilen der Mystikerin Hildegard von Bingen, die sie zu ihren „Inspiratoren aus der Milchstraße“ zählt. Von Bertolt Brecht gibt sie Erotisches zum besten, von Mascha Kaléko („Das berühmte Gefühl“) und Erich Fried („Was es ist“) Liebesgedichte.

Ausgefeilte Arrangements

Aufgelockert wird die Lesung von bunt gemischten Liedern und Songs, für die der Gitarrist und Sänger Ralf Glenk mit ausgefeilten Arrangements zuständig ist: „Der Kampf um die Erde“ des österreichisch-jüdischen Dichters Theodor Kramer , das alte Volkslied „Wenn alle Brünnlein fließen“, Karats Schlager „Über sieben Brücken musst du gehn“, Hits aus einem Album von „Fleetwood Mac“ oder „Island in the Sun“ von Harry Belafonte gehören dazu.

Es ist ein faszinierender Abend, die Zuhörer sind berührt und begeistert.