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Es zischt, donnert, pfeift: Martin Kohlstedt im Reuchlinhaus.  Foto: Roller 

Martin Kohlstedt in Pforzheim: Reise in ein Klang-Abenteuerland

Pforzheim. Mit Piano und Elektronik erschafft Martin Kohlstedt im Reuchlinhaus außergewöhnliche Klangbilder.

Ein Schlachthof oder eine Reifenhandlung kommen für dieses „Horch!“-Konzert nicht infrage. Denn Martin Kohlstedt braucht einen Flügel. Und einen großen, grauen, blinkenden Kasten, der vollgestopft ist mit Technik. Außerdem ein Instrument, das aussieht wie ein kleines, portables Keyboard, aber völlig anders klingt: ein Fender Rhodes. Damit erzeugt er am Sonntagabend im Vortragssaal des Reuchlinhauses Klänge, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Was der hagere Mann mit dem schwarzen T-Shirt im Halbdunkel auf der Bühne treibt, lässt sich kaum in Worte fassen. Und schon gar nicht begreifen.

Zunächst fängt alles ganz harmlos an: Am Klavier, an den Tasten, über die Kohlstedt seine Finger mit Leichtigkeit gleiten lässt, eine zarte Melodie entfaltend. Kaum zu glauben, dass er erst mit zwölf Jahren zum ersten Mal an dem Instrument saß. Dann wendet er sich dem grauen Kasten zu, drückt auf Knöpfe und dreht an Reglern. Der Klang verändert sich. Es zischt, donnert, pfeift, hupt, rasselt, kracht, gurgelt und dröhnt. Mal hört sich das Klavier an wie eine Trommel, mal wie die gezupften Saiten einer Geige. Immer wieder wummert ein tiefer Bass durch den Saal.

So geht das den ganzen Abend: Ein nuanciert gespieltes Piano trifft auf elektronisch erzeugte Töne. Bunte Klangbilder entstehen, hin- und her pendelnd zwischen Harmonie und Dissonanz. Es klingt, als ob schäumende Gischt gegen einen schroffen Felsen schlagen, als ob der Herzschlag auf einem EKG hörbar gemacht, als ob in einem Actionfilm das monumentale Ende kurz bevorstehen, als ob eine Säge festes Holz durchdringen würde. Kohlstedt ist hochkonzentriert. Wenn er Musik macht, dann scheint er in seiner eigenen Welt zu leben: für den Moment, für das Hier und Jetzt.

Seine Stücke sind intuitiv, sie kommen einfach so. Und sie kommen an: Weltweit ist der 31-Jährige mit seiner Musik unterwegs. Aktuell tourt er durch Europa. Am Tag vor seinem Auftritt in Pforzheim stand er in Wien auf der Bühne. Ein Jahr im Voraus hatte die Musikerinitiative Kohlstedt für das „Horch!“-Konzert angefragt – ohne zu wissen, wie das Publikum auf seine Musik reagieren wird: mit Begeisterung. Immer wieder erhält Kohlstedt tosenden Beifall. Nach anderthalb Stunden überlegt er sich: „Mit was lässt man Pforzheim jetzt zurück?“ Die Zuhörer erklatschen sich zwei Zugaben, bevor ein Abend endet, den man eigentlich gar nicht als Konzert bezeichnen kann. Vielleicht sollte man besser von einer Reise in ein Klang-Abenteuerland sprechen.