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Blickt optimistisch in die Zukunft: Luisa Wöllisch, ausgebildete Schauspielerin mit Down-Syndrom. Foto: Schuldt

Mit Down-Syndrom und selbstbewusst zum Schauspiel-Traum

München/Pforzheim. Für Menschen mit Behinderung ist der Weg zu Film und Theater schwer. Luisa Wöllisch hat es mit Down-Syndrom in einen Kinofilm geschafft.

Lang lauscht Lulu, endlich lieblos lächelnd lallt sie leise.“ Wieder und wieder tönen die Sätze beim Sprachtraining durch den Probenraum. Alltag für Schauspielschüler. Doch dass sie diese Ausbildung machen, ist nicht selbstverständlich, denn jeder der Jugendlichen hat eine Behinderung. Die Freie Bühne München (FBM) ist eine der wenigen Schauspielschulen in Deutschland, an denen ihr Traum wahr werden kann. Ähnliches bieten etwa die Theater Rambazamba und Thikwa in Berlin oder die Akademie Glanzstoff in Wuppertal.

Luisa Wöllisch hat drei Jahre Schauspielausbildung an der FBM hinter sich. „Das ist eine sehr intensive Zeit, in der man sehr viel an sich arbeitet“, erzählt die 22-Jährige mit Down-Syndrom. Durchhaltewillen und Selbstbewusstsein hat sie, auch ein Talent für komische Rollen, aktuell zu bewundern in der Kinokomödie „Die Goldfische“ mit Tom Schilling und Jella Haase. Darin kapert ein querschnittgelähmter Banker den Bus einer WG für Behinderte, um Schwarzgeld aus der Schweiz nach Deutschland zu schmuggeln.

Luisa spielt Franzi, ein Mädchen mit Down-Syndrom. „Sie hat schon als Kind wahnsinnig gerne Show gemacht, hat gesungen und getanzt“, verrät ihre Mutter Eva Wöllisch. Sie spielte Theater in der Schule und im Jugendtreff. „Sie hat ein Talent, aber das war’s dann auch“, schildert die Mutter ihre Gedanken. Da war es ein glücklicher Zufall, dass die frühere ZDF-Journalistin Angelica Fell gerade etwas für ihren Sohn mit Down-Syndrom suchte. Er wollte ans Theater, aber: „Dennis hätte an keiner Schauspielschule einen Platz bekommen“, meint Fell. So gründete sie 2014 selbst ein Theater mit Schauspielschule.

Und nach der Schauspielschule? Nicht jeder hat Glück wie Luisa. „Behinderte Darsteller brauchen Regisseure, die sich nicht vor Wagnissen fürchten. Wer nur auf den ausgetretenen Pfaden des herkömmlichen bürgerlichen Theaters wandelt, wird einem behinderten Akteur nie eine Chance geben“, schreibt der Autor und Schauspieler Peter Radtke. Trotz Glasknochenkrankheit spielte er auf großen Bühnen. „Wagen wir uns aus unserm Schneckenhaus!“, rät er. „Wir bereichern auch die traditionelle Kultur um neue Impulse, die diese so dringend nötig hat, wenn sie nicht in tödlichem Formalismus erstarren will.“

Hürden will auch Intendant Karsten Wiegand vom Staatstheater Darmstadt überwinden. 2014 engagierte er Jana Zöll, Schauspielerin mit Glasknochenkrankheit, und Samuel Koch, seit einem Unfall in der ZDF-Show „Wetten, dass...?“ querschnittgelähmt. „Es gab eine große Offenheit, und dann gab es natürlich auch Ängste: Wie ist eine Kostümanprobe mit einem Querschnittgelähmten“, erinnert sich Wiegand. Die Angst verschwand, je besser sich alle kannten, und Koch blieb, bis er 2018 ans Nationaltheater Mannheim wechselte. „Wir machen das, weil wir davon überzeugt sind und weil uns die Schauspieler künstlerisch überzeugt haben“, erklärt Wiegand. Nicht aus Mitleid.

Wie berichtet, tanzt in Pforzheim eine Frau, die noch mit einer Lähmung zu kämpfen hat: Sophie Hauenherm, Gast beim Ballettensemble des Theaters. Erst vergangenen Sonntag war sie bei der Aids-Gala zu sehen.

„Das Tolle am Schauspielern ist für mich, dass ich Rollen spielen kann, die keine Beeinträchtigung haben“, sagt Luisa. Nicht nur Stücke rund um Behinderung, lieber Komödien oder eine Rolle im ARD-Krimi „Tatort“, „das ist einer meiner Träume.“ Ob das klappt? „Ich bin optimistisch“, sagt die 22-Jährige. Vorerst geht es bei ihr mit Drama weiter: Die Freie Bühne engagierte sie für den Herbst als Lulu. Zudem bildet sie sich weiter zum Coach, damit sie später selbst an ihrer Schule unterrichten kann. Luisa hofft, dass sie anderen helfen kann, ihren Traum vom Schauspiel wahr werden zu lassen.