Pforzheim. Georg Friedrich Händels oratorische Werke gelten als Kirchen-Opern, stehen jedenfalls wegen ihrer Klangpracht, ihrer Affekte und dramatischen Ausformung der zugrundeliegenden biblischen Erzählungen der barocken Oper sehr nahe, zu deren Hauptvertretern Händel ebenfalls zählt.
Das gilt freilich nicht für seine „Passion nach Worten von Barthold Hinrich Brockes“, die als Ausgrabung vom Motettenchor Pforzheim, dem Instrumentalensemble Collegium Musicum und Vokalsolisten am Karfreitag in der Pforzheimer Altstadtkirche aufgeführt worden ist.
Brockes (1680 bis 1747) lebte als kunstbeflissener, großbürgerlicher und protestantisch-frommer Ratsherr in Hamburg, dilettierte als Maler und Musiker und erntete lokalen Ruhm als naturverbundener Dichter der mehrbändigen „Irdischen Vergnügen in Gott“ und vor allem als Librettist des Passionsoratoriums „Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus“. Händel, der damals eine Kirchenmusiker-Anstellung in Hamburg anstrebte, begeisterte sich dafür und hob es mit seiner Komposition und der Feierlichkeit seiner Musik, der Johann Sebastian Bach sechs Stücke für seine Johannespassion entnahm, weit über den textlichen Wert hinaus.
Vergessenes Meisterwerk
Nun hat der aus der Hansestadt stammende Landeskantor Kord Michaelis das vergessene Meisterwerk ausgegraben und mit seinen Pforzheimer Ensembles in historisch informierter Aufführungspraxis vorgestellt. Es ist von nüchternem Geist geprägt. Die mit der Leidensgeschichte Jesu verbundenen aufwühlenden Emotionen scheinen musikalisch gebändigt und mit eher sparsamen Mitteln umgesetzt – was der historischen Situation in Hamburg, wo der barock-höfische Prunk abgelehnt und durch bürgerliche Innigkeit verdrängt wurde, durchaus entsprach.
In diesem Sinne muss man die Pforzheimer Wiedergabe der Händelpassion als kongenial bezeichnen. Das Collegium Musicum spielte auf Instrumenten historischer Bauweise. Die Streicher (Ulrike Fromm-Pfeiffer und Katharina Künstler Violine, Iiro Rajakoski Viola, Barbara Noeldeke Cello, Ingo Schlüchtermann Violone) musizierten vibratoarm flach mit charakteristischen Schwelltönen, die Bläser (Julia Ströbel-Bänsch und Mirjam Kluftinger Oboe, Elisabeth Mergner und Gerhard Benadé Fagott) mit näselnd weichem Klang, vom Orgelpositiv (Heike Hastedt) ruhig-sanft begleitet. Der rund 40 Sänger umfassende Motettenchor agierte klanglich ausgewogen und sauber mit Verve, ohne theatralisch (wie sonst bei Händel üblich) aufzutrumpfen. Die beiden wunderschönen Schlusschoräle (Nr. 52 und Nr. 54) erinnerten an die Gelassenheit und Strahlkraft ähnlicher Chöre in Bachs Matthäus-Passion.
Verständliche Artikulation
Die Vokalisten – weitgehend Mitglieder des renommierten SWR-Vokalensembles – überzeugten mit verständlicher Artikulation und plastisch ausgeformten Texten. Allen voran der exzellente Tenor Rüdiger Linn, der seinen umfangreichen rezitativischen Part als Evangelist mit deklamatorischer Klarheit, aber auch mit fokussierter Ausdruckskraft (Recitativo Nr. 46a, „Mein Gott, mein Gott!“) bravourös bewältigte. Überaus klangschön konnte sich die Altistin Pauline Stöhr in Szene setzen. Ihr Arioso „Gläubige Seelen“ (Nr. 31b) leuchtete in (für einen Alt) erstaunlichen Höhen, die Klage der Maria (Nr. 40a) entfaltete sich mit dunkel-düsterem Timbre. Bariton Bernhard Hartmann beeindruckte als Jesus mit einigen klangsatten Passagen und stattete den kommentierenden Hauptmann am Passionsende (Nr. 50a) mit kerniger Kraft aus. Kirsten Drope gefiel in den „Tochter Zion“-Arias mit lyrisch hellen Klangbögen, in rezitativischen Abschnitten blieb ihr Sopran allerdings dünn. Kord Michaelis leitete die Aufführung gewohnt professionell, motivierend und abwechslungsreich in den Tempi, die öfters zügig und forsch ausfielen. Wegen der vergleichsweise trockenen Akustik in der voll besetzten Altstadtkirche fehlten jeglicher Pomp von Hall und Schall.
Bemerkenswert, wie das überwiegend ältere Publikum der dreistündigen Wiedergabe mit höchster Konzentration bis zum letzten Ton lauschte.

