Es gibt so Sätze, die glaubt man einfach – ohne ihnen je wirklich nachgegangen zu sein. Viel trinken ist gut, viel essen ist schlecht. In die gleiche Kategorie gehört ein weiterer Satz: Musik tut der Seele gut.
Schon Kinder im Mutterleib werden von besonders engagierten Müttern mit Mozart beschallt – und wer auf Trommeln haut, lässt bei der nächsten Schlägerei vielleicht eher die Hand in der Tasche? So platt das klingen mag: Es stimmt. Da sind sich zwei einig, die es wissen müssen.
Martin Linnebach-von Wedel zum Beispiel ist Psychiater in Pforzheim – und kommt gleichzeitig aus einem musikalischen Haushalt. Sein Vater war Cellist beim Südwestdeutschen Kammerorchester, Linnebach-von Wedel ist dem Orchester als Vorstandsmitglied des Fördervereins verbunden. „Musik macht glücklich“, sagt er. Das sei in vielen Studien eindeutig bewiesen. „Musik wird eigentlich schon seit Urzeiten therapeutisch verwendet – man singt zum Beispiel Wiegenlieder bei Einschlagstörungen.“ Von dieser heilenden Wirkung macht er auch in seiner Praxis Gebrauch – da steht ein Klavier. Linnebach-von Wedel benutzt es, um manchem Patienten besser zu verstehen. „Ich lasse manchmal ein Kind am Klavier eine feste aber einfache Tonformel spielen und improvisiere dann dazu. Das fördert das Selbstvertrauen und regt die Kreativität meiner Patienten an.“
Gute Erfolge bei Autismus
Bei manchen Krankheitsbildern verschreibt der Psychiater auch einfach eine komplette Musiktherapie. Dafür gibt es in seiner Praxis an der Pforzheimer Baumstraße einen eigenen Musikraum; einmal in der Woche kommt ein ausgebildeter Musiktherapeut zu ihm. Wem hilft die Musik am meisten? „Bei Autisten haben wir immer sehr gute Erfolge mit Musik“, sagt Linnebach-von Wedel „Aber auch bei vielen neurotischen Störungen.“ Was macht die heilende Wirkung der Musik aus?
Da hat auch der Neuenbürger Psychologe Dietrich Wagner eine Erklärung für. Er leitet die Fachstelle Sucht im Pforzheimer Haus der seelischen Gesundheit Lore Perls – und spricht zwei Aspekte an, die Musik so wertvoll machen. „Musik ist ja meist ein soziales Phänomen – man macht sie mit anderen Menschen zusammen“, sagt Wagner. Schon das allein helfe. Musik wirke aber auch direkt auf die seelische Gesundheit des Menschen. „Wir werden tagein, tagaus mit so vielen Emotionen konfrontiert“, sagt Wagner. Die müsse man auf irgendeine Weise eben auch hinauslassen – der Mensch wolle sich ausdrücken. „Wir empfangen so viel. Wir müssen auch senden.“ Das ginge am besten mit Musik. Hier sei nämlich Ausdruck nicht direkt mit Sprache gekoppelt. Musik könne Sachen sagen, die über die Sprache hinausgingen. Ähnlich äußert sich Linnebach-von Wedel: „Mit der Musik hat man einen Schlüssel zu seinen Gefühlen.“
Klassisches Musik ist gut
Aber ist denn jede Musik gleich wert, wenn es um die Seele geht? Durchaus nicht. Linnebach-von Wedel hat nach eigenen Angabe zwar eine musikalisch etwas einseitige Erziehung genossen – abseits der Klassik gab es nicht viel im Musikerhaushalt – aber die Lust an der anspruchsvollen Musik hat er dennoch nicht verloren. Das merkt man, wenn er über die sogenannte Sonatenhauptsatzform spricht – ein Formprinzip, mit dem sich viele Kompositionen gerade von Mozart, Haydn und Beethoven beschreiben lassen. „Musikalische Formen können eine Entwicklung und Veränderung von Gefühlen verursachen“, sagt Linnebach-von Wedel „Da ist Dynamik drin – und das erzeugt eine positive Lebensenergie.“ Er könne zwar auch andere Genres mit Genuss hören. „Aber wenn man ausschließlich Popmusik hört, kann die Entwicklung leiden.“
In der Therapie kann jede Art von Musik helfen – manchmal ganz konkret. „Wer trommeln kann, muss sich manchmal nicht mehr ritzen.“ Manchmal sind es eben auch die einfachen Sätze, die stimmen.


