Pforzheim. Das 6. Sinfoniekonzert der Badischen Philharmonie Pforzheim „Zu den Sternen“ wird zum denkwürdigen Ereignis – unter anderem durch Solisten.
Mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie endet ein musikalischer Weg, der aus der Dunkelheit in eine visionäre Humanität führt – ein Werk, das längst zum Symbol europäischer Ideengeschichte geworden ist. Dass dieser Abend im Pforzheimer CCP unter dem Titel „Zu den Sternen“ nicht nur musikalisch, sondern auch gedanklich große Bögen spannt, zeigt bereits die Gegenüberstellung mit Kinan Azmehs „Songs for Days to Come“.
Azmehs Werk, eine Folge von Vertonungen syrischer Gegenwartslyrik, eröffnet den Abend als vielstimmiges, bewusst fragmentiertes Klanglabor. Der Komponist selbst steht als Soloklarinettist auf der Bühne und prägt den Abend ebenso wie die syrische Sängerin Dima Orsho, deren stimmliche Wandlungsfähigkeit weit über konventionelle Kategorien hinausreicht. Zwischen klassischem Gesang, erweiterten vokalen Techniken und improvisatorisch anmutenden Momenten entfaltet sie ein außergewöhnlich breites Ausdrucksspektrum. Ergänzt durch die Sprecher Anne-Kathrin Hönes und Jan-Hendrik von Minden vom Theater Pforzheim entsteht ein multimediales Geflecht aus Musik, Sprache und Erinnerung. Die Klangsprache Azmehs ist gemäßigt modern, gelegentlich von arabischen Idiomen durchzogen, rhythmisch verdichtet und stark auf semantische Konkretion ausgerichtet. Jede der 15 Gedichtvertonungen wirkt wie ein musikalischer Kommentar, der Krieg, Flucht und Verlust nicht nur illustriert, sondern emotional zuspitzt. Gerade diese Verdichtung macht das Werk eindringlich – zugleich aber auch fordernd in seiner Überlagerung verschiedener Ebenen.


„Die Geburt der Filmmusik“ der Badischen Philharmonie: Publikum erlebt eine Sternstunde orchestraler Erzählkunst
Spürbare Energie
Nach der Pause folgt Beethoven – und damit ein radikaler Wechsel der Perspektive. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Daniel Inbal entfaltet die erweiterte Badische Philharmonie gemeinsam mit den vielfältig besetzten Chören der Stadtkirche und des Theaters die monumentale 9. Sinfonie. Schon nach wenigen Takten wird deutlich, dass dieses Orchester kein rein akademisch geprägtes Sinfonieensemble ist, sondern ein Theaterorchester im besten Sinne: Die Aufführung zielt weniger auf glatte Perfektion als auf dramatische Unmittelbarkeit.
Diese Qualität prägt den gesamten Abend. Die Präzision erreicht nicht durchgängig das Niveau großer internationaler Spitzenorchester, doch genau daraus entsteht eine besondere Spannung: Mehr als 200 Mitwirkende lassen eindrucksvoll Energie und Engagement spürbar werden. Inbal gelingt es dabei, die strukturellen Brüche und Kontraste der Partitur nicht zu glätten, sondern bewusst herauszuarbeiten. Die Musik erhält dadurch eine theatralische, beinahe opernhafte Zuspitzung. Die Solistinnen und Solisten – Stamatia Gerothanasi, Jina Choi, Felipe Rojas und Aleksander Stefanoski – fügen sich in dieses Gesamtbild ein, das weniger auf makellose Balance denn auf Ausdrucksintensität setzt. Die Chöre (Oratorien- und Motettenchor, Jugendkantorei, Chor, Extra- und Kinderchor des Theaters) tragen wesentlich zur klanglichen Wucht des Finales bei. Die Einstudierungen durch Kirchenmusikdirektorin Heike Hastedt sowie Johannes Berndt und Sören Eckhoff vom Theater Pforzheim sichern dabei die notwendige Stabilität in einem ansonsten bewusst expansiven Klanggeschehen.
Gerade im Zusammenspiel mit Azmehs Werk wird deutlich, wie eng beide Kompositionen trotz ihrer Unterschiede miteinander verbunden sind. Beide suchen nach einer musikalischen Sprache für menschliche Grenzerfahrungen: Azmeh im unmittelbaren Ausdruck von Krieg und Exil, Beethoven in der Vision einer versöhnten Menschheit. Während der eine die Brüche der Gegenwart offenlegt, entwirft der andere deren utopische Überwindung.


Überraschende Komposition bei Sinfoniekonzert im Pforzheimer CCP
Daniel Inbal hält diese Spannungsfelder nicht im Sinne einer glättenden Interpretation zusammen, sondern lässt sie bewusst nebeneinanderstehen. So entsteht ein Konzert der Extreme – zwischen Fragment und Monument, zwischen Gegenwartsschmerz und Zukunftsversprechen. Gerade in dieser Unausgeglichenheit liegt seine nachhaltige Wirkung.


