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Was braucht es zum Glücklichsein? Mit der Arbeit „Penthaus“ gibt der Künstler eine Antwort: Bei Sonne und schöner Aussicht genügt ein Refugium von wenigen Quadratmetern, ein Wohnwagen. Foto: Meyer
Was braucht es zum Glücklichsein? Mit der Arbeit „Penthaus“ gibt der Künstler eine Antwort: Bei Sonne und schöner Aussicht genügt ein Refugium von wenigen Quadratmetern, ein Wohnwagen. Foto: Meyer
Vor gut zehn Jahren lebte Andreas Sarow bei einem Selbstversuch in einem Wohnwagen. Eine Erfahrung, die er heute künstlerisch aufarbeitet. Foto: Privat
Vor gut zehn Jahren lebte Andreas Sarow bei einem Selbstversuch in einem Wohnwagen. Eine Erfahrung, die er heute künstlerisch aufarbeitet. Foto: Privat
03.11.2017

Neues Kunstprojekt von Andreas Sarow hinterfragt wahren Luxus

Pforzheim. Da steht er, in bester Aussichtslage. Der Wohnwagen auf diesem abbruchreifen, entkernten Haus an der Hachelallee 25 zieht die Blicke auf sich. Mancher Passant hält kurz inne, und schlussfolgert: „Das ist doch bestimmt wieder von diesem, ähm, ja genau: Sarow, oder?“ War ja klar. Smartphone gezückt, Foto geknipst, auf Facebook hochgeladen – fertig ist der nächste Internet-Hype.

Andreas Sarow liebt es, Irritationen zu schaffen. Und in den Netzwerken wird munter gestritten: „Ist das Kunst?“ fragt einer. „Geisteskrank“, schreibt ein anderer. Aber es geht auch differenzierter: „Sarow versteht es immer wieder, die Außenwelt auf unser verschlafenes Pforzheim zu lenken.“

Auch wenn sein Name weit und breit nicht zu finden ist, kein Schild die Aktion erklärt: Der Wiedererkennungseffekt der „Sarowisierung“ ist da, diese ungewöhnliche Illuminierung und Inszenierung, stets stark verbunden mit dem jeweiligen Ort. Nach der „schwarzen Villa“ im noblen Rodgebiet, dem „Dollhaus“ mitten in Grunbach gegenüber von Brunnen, Rathaus und Kirche, dem tempelartigen „perfekten Elternhaus“ in Büchenbronn jetzt also das „Penthaus“.

Sarow spielt mit Begehrlichkeiten, die ein Penthouse in solch exklusiver Aussichtslage weckt. Dem Streben nach Luxus. Immer höher, schneller, weiter. Daher hat er dieses Orange des Labels Hermès benutzt. Sarow fragt: Was reicht, um glücklich sein? Und plädiert für mehr Einfachheit: Bei Sonne, Wind und guter Aussicht genügt ein Refugium von wenigen Quadratmetern. „Wenn man alles überschauen kann, was einen glücklich macht – das ist wahrer Luxus.“ Eine in den Himmel ragende Leiter symbolisiert die Freiheit.

Der Künstler will aufzeigen, dass Luxus auch im Kleinen funktioniert. „Ich wollte die Idee des Sesshaften auflösen und einen Gegenpol schaffen“, erklärt der 43-Jährige seine Arbeit. Die heutzutage von vielen abverlangte Flexibilität und Mobilität erfordere neue Wohnformen. Im „Penthaus“ entwirft er das Bild eines urbanen Lebens, in dem unzählige Module einfach auf Bauten aufgestellt werden und man nach Bedarf weiterzieht. „Vielleicht wird man in Zukunft so leben, dass man morgens gar nicht weiß, wo man abends schläft“, sagt er. An der Gebäudeseite ist ein Schild angebracht. Die Idee: Überall, wo dieses Wohnwagensymbol an Häusern zu finden ist, sind „freundliche Parasiten“ willkommen. Sarow gibt dem Objekt eine Perspektive, rückt das Häuschen nach Entwurf, Bau und einer langen Nutzungsphase in einen neuen, überzeichneten Kontext – vor seinem Abriss und der weiteren Bebauung.

Im „Penthaus“ arbeitet der Galerist eigene Erfahrungen auf. „Vor über zehn Jahren habe ich diese Wohnform auf acht Quadratmetern im Selbstversuch über den Weinfeldern in Lauffen am Neckar über einen längeren Zeitraum getestet“, erzählt er. Dabei habe er gelernt, dass es „viel sozialer und kommunikativer ist, wenn man sich aufs Wesentliche beschränkt und Bedürfnisse wie Körper- und Kleidungspflege extern erledigt“. Das Experiment habe ihm aber auch gezeigt, wie er intensiver mit der Natur leben kann. „Man verlagert sein Leben für mehr Raumgewinn vor die Türe.“

Seine Kunstprojekte plant der Diplom-Architekt wie Bauvorhaben in oft monatelanger Arbeit akribisch durch, unabhängig von den jeweiligen Immobilieneigentümern. Dazu braucht er ein Team, das schnell und unerkannt arbeitet. „Ich selbst muss zwei Straßen weiter parken und darf nur inkognito auf die Baustelle“, sagt Sarow. Die Enthüllungen selbst realisiert er oin Nacht-und-Nebel-Aktionen, um keine Aufmerksamkeit zu erwecken. Werber nennen dies „Guerilla-Effekt“.

Der Pforzheimer bewegt sich damit in einer Kunstrichtung, die eine besondere Form der Street Art darstellt. „Und die Wirkung wird noch viel intensiver, wenn diese zeitlich begrenzt ist“, sagt er. So ist das „Penthaus“ an der Hachelallee nur noch bis kommenden Dienstag zu sehen.

Es ist eine urbane, temporäre Kunst, geht jedoch über die klassische Street Art hinaus, in der Gebäude häufig nur als Leinwand für Graffiti benutzt werden. „Ich verändere mit meinen Objekten die Architektur und deren Aussage“, so Sarow. Auch in der Konstanzer Innenstadt hat er bereits seine Spuren hinterlassen: mit dem „Way Of Life Calculator“. Ein riesiger Taschenrechner ragte dort aus den Fenstern eines Hauses an der Hussenstraße. Dabei geht Sarow der Frage nach: Von welchen Faktoren ist der Weg des Lebens abhängig? Glück, Pass, Eltern, Beruf, Schicksal, Ausbildung, Freunde, Erfahrung, Kinder, Gesundheit oder Liebe? Die Passanten sind angehalten, den Kalkulator in ihrer Fantasie auszuprobieren.

Das „Penthaus“ markiert so etwas wie einen Wendepunkt. Von 2018 an will Sarow die Leitung seiner Unternehmen abgeben, nur noch als Objektkünstler arbeiten. Und weitere Städte sarowisieren. Projekte in Pforzheim, aber auch in München seien bereits fix.

Realist01
03.11.2017
Neues Kunstprojekt von Andreas Sarow hinterfragt wahren Luxus

Kunst ist heutzutage eine schwierige Definition. Ab wann ist es Kunst, wenn nur ein "Künstler" sagt daß es Kunst sei? Ich kanns nicht beurteilen... mehr...

Nordstädtler
04.11.2017
Neues Kunstprojekt von Andreas Sarow hinterfragt wahren Luxus

Der Herr Sarow hat seine Nische gefunden. Interessante umfunktionierte Objekte, die sicherlich provozieren, aber zum Nachdenken anregen. Hoffen wir mal, dass dieser Künstler persönlich weiterhin so erfreulich normal und sympathisch bleibt. mehr...

Siggi_Spitz
08.11.2017
Neues Kunstprojekt von Andreas Sarow hinterfragt wahren Luxus

[QUOTE=sturm;289068]Warum gibt die PZ solch einem Schund ein Podium? Gehen euch die Themen aus?[/QUOTE] Genau! Total entartet! Verbieten sollte man so etwas! Seien Sie doch froh, dass es in diesem tristen Städtle auch mal Leute gibt, die andere Wege gehen. Und wenn Sie sich gaaanz viel Mühe geben, verstehen Sie sogar, was der Künstler damit ausdrücken will. Na? mehr...

Faelchle
09.11.2017
Neues Kunstprojekt von Andreas Sarow hinterfragt wahren Luxus

Vielleicht kommt der Verpackungskünstler Christo vorbei und verhüllt das Ganze. "Zappenduster in der Hachel-Allee" könnte das neue OEvre dann heißen. mehr...