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Präsentieren ihre Arbeiten: Michaela und Rolf Escher, in ihrem Atelier mit Rolf Elsässer (von links).  Foto: Moritz 

Offene Ateliers in Pforzheim geben faszinierenden Blick hinter die Kunst-Kulissen

Pforzheim. Ein unauffälliges Garagentor in der kurzen Kanalstraße in Pforzheim. Dahinter verbirgt sich allerdings nicht wie erwartet Mittelstand-Industrie, sondern dort beginnt das Reich des Künstlerehepaars Michaela und Rolf Escher. Wenige winkelzügige Gänge später steht der Besucher auf seinem Spaziergang durch Pforzheims Offene Ateliers in der Schaffensstätte der beiden: überall Gläschen, Pinsel, alle erdenklichen Werkzeuge, Kreppband und loses Papier. Ein Traum für jede Künstlerseele auf 220 Quadratmetern.

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Konstruktion von Rolf Elsässer. Foto: Moritz

Einblicke wie diesen gibt es in die Pforzheimer Kunstszene nur beim Tag der Offenen Ateliers. Und Organisatorin Anina Gröger sorgte auch dafür, dass die Eschers nicht allein bei sich auf Besucher warten müssen. Mit dem Designer Rolf Elsässer haben sie einen Gast in ihren Räumen, dessen Schmuck zwischen den hauseigenen Bildern und Figuren die Gesamtoptik komplettiert. Insgesamt 116 Künstler stellen aus – „professionelle“, wie Gröger betont. Mindestanforderung ist der Beginn eines Kunststudiums an einer staatlich anerkannten Hochschule. Verteilt werden die Künstler ohne eigenes Atelier entweder in Räumen wie denen der Eschers oder im Alten Schlachthof.

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Umklebt öffentlich zu findende Gegenstände mit Tesa- Film: Myriam Rossbach. Foto: Moritz

Wind bläst durch Metalltore

Eiskalt bläst der Wind durch die mächtigen Metalltore. Ein Ort, der zum Kunstmachen einlädt wie wohl kaum ein anderer. Das findet auch Myriam Rossbach, die in schummrigem Licht ihre Motive aufgehängt hat. Ein Schwanenkopf, ein Panther und klatschende Hände. „Alles Motive, die sich in Pforzheim finden“, sagt sie. Tatsächlich umklebt die Puppenspielerin öffentliche Gegenstände mit Tesa-Film und setzt die durchsichtigen Masken so in Szene. Der übergroße Schwanenkopf kommt ursprünglich von einem Tretboot auf der Enz. Tausende Besucher sind im vergangenen Jahr durch die Ateliers der Stadt gezogen. Wie viele es diesmal sind, lässt sich noch nicht genau sagen. Gröger will das in den kommenden Wochen herausfinden, schauen, ob bei einer vierten Auflage 2020 nicht ein anderes Datum geschickter wäre.

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Auch die Organisatorin lädt zum Besuch ein: Anina Gröger in ihren Räumen an der Schwarzwaldstraße. Foto: Moritz

Während einige kleinere Ateliers nur selten Besuch hatten, ist man anderswo sehr zufrieden und freut sich über viele Verkäufe. Ungefähr 30 Kunstinteressierte kamen am Samstag bei den Eschers vorbei. Eine Ecke weiter waren es bei Anina Gröger 250. „Es herrscht eine super Stimmung“, sagt sie.

Anderswo ist einer am Samstag „überrascht, wie leer es dieses Jahr ist“. Ganz anders dagegen der Sonntag: Ganze Menschentrauben sammelten sich am Sonntag, berichtet Anna Eickhoff, die im Alten Schlachthof ihre Zeichnungen von Wartenden ausstellt. Auch andere erzählen von nahezu permanenten Gesprächen.

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Zeichnungen aus dem Gerichtssaal und eine gezeichnete Erzählung an der Wand: Ilona Trimbacher. Foto: Moritz

„Ich mache das aus Notwehr“

Durchschreitet man den langen Gang, gezäumt von großflächigen Fotografien, die alltäglichen Verfall wie eingerissene Tapeten und speckige Lichtschalter zeigen, kommt man auch bei Ilona Trimbacher aus Calw vorbei. Die Illustratorin hat auf acht Metern Länge die Erzählung einer befreundeten Autorin in Bildern zum Leben erweckt. „Ich habe ohne Vorskizze beim Lesen angefangen zu zeichnen“, berichtet sie von der Idee. Pyramiden, Schmetterlinge und eine große Spinne lassen nur erahnen, worum es in der Story geht. Neben der Illustration von Comics sitzt Trimbacher auch für Zeitungen im Gerichtssaal. Unter anderem zeichnete sie die Beteiligten beim Raser-Prozess in Bremen.

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Im rauen Ambiente des Alten Schlachthofs: Fotografien von Winfried Reinhardt. Foto: Moritz

„Notwehr“, antwortet Anina Gröger kurz und knapp auf die Frage, warum sie die freiwillige Organisationsarbeit jedes Jahr auf sich nimmt. „Es gibt ja sonst nichts mehr für uns Künstler in Pforzheim“, sagt sie. „Keine einzige Galerie für zeitgenössische Kunst.“ Gerade erklärt sie Pfarrerin Dorothea Patberg ihre Kirchenarbeiten. „Es herrscht eine sehr angeregte Stimmung hier. Die Künstler nehmen sich Zeit und erklären, wie die einzelnen Werke entstanden sind“, sagt Patberg. Feedback, für das sich auch künftig die für die Kunstszene so wichtigen Offenen Ateliers lohnen.