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Thomas Münstermanns erläutert sein Konzept zum „Faust“. Foto: Meyer

PZ-Interview mit Intendant Thomas Münstermann über seine „Faust“-Inszenierung

Intendant Thomas Münstermann inszeniert am Theater Pforzheim Goethes Tragödie „Faust I“ und erkundet die Figur des Faust mit mehreren Darstellern in einem spannenden Spiel im Spiel.

Faust I feiert Premiere am Theater Pforzheim
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Faust I feiert Premiere am Theater Pforzheim

PZ: Mit dem Thema „Faust“ ist jeder schon einmal in Berührung gekommen. Können Sie sich noch an Ihre prägende Begegnung mit „Faust“ erinnern?

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Tragödie "Faust I" feiert Premiere im Theater Pforzheim

Thomas Münstermann: Der 1960 entstandene Film von und mit Gustaf Gründgens und die legendäre Hamburger Aufführung hat meine Theaterarbeit sehr geprägt. Es ist der Nimbus dieser Inszenierung, die ja quasi über einen langen Zeitraum Modell-Charakter für viele andere Auseinandersetzungen mit dem Thema hatte. Wenn man dann aber selbst kreativ an „Faust“ herangeht, macht man sich selbstredend frei davon, um die Probenarbeit mit individuellem Blick anzugehen und eigene Ideen zu entwickeln.

PZ: In der Neuinszenierung entwickelt sich die Geschichte um Faust quasi aus einem leeren, imaginären Raum heraus, den sich das Ensemble spielerisch aneignet. Welche Überlegung steckt hinter diesem Ansatz?

Thomas Münstermann: Im „Vorspiel auf dem Theater“ sagt der Theaterdirektor: „Die Bretter sind, die Pfosten aufgeschlagen, und jedermann erwartet sich ein Fest.“ Das habe ich wörtlich genommen, ganz nach dem Motto: Lasst uns tatsächlich die nackten Bretter aufschlagen und ein Spiel im Spiel auf ihnen kreieren. Ein Spiel, bei dem unser Schauspielensemble ganz pur und mit großer Freude an der Verwandlung agiert, ganz auf sich konzentriert, ohne dass opulente Staffage davon ablenkt.

PZ: In diesem Raum, in dem das Ensemble in vielen Rollen zu erleben ist, gibt es eine konstante Figur: Mephisto, den Jens Peter spielt. Die Rolle des Faust hingegen wird von mehreren Schauspielern übernommen. Wie kam es zu dieser Idee?

Thomas Münstermann: Die Idee, Faust auf verschiedene Darsteller aufzuteilen, basiert auf der Überlegung, dass wir ihn heute nicht ausschließlich als Intellektuellen, als Gelehrten und Universalgenie in einer abgeschiedenen Kammer sehen wollen. Was hätte das schließlich mit uns zu tun? Die Faust-Problematik und die Fragen, die Faust umhertreiben, gehen uns alle etwas an. Nämlich zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält – und damit auch die menschliche Existenz zu erklären. Faust sind wir alle, und seine Worte klingen aus dem Mund einer jungen Frau anders als aus dem eines 50-jährigen Mannes.

PZ: In „Faust I“ kommt es zur mittlerweile vierten Zusammenarbeit des Theaters Pforzheim mit dem Verein „Kultur Schaffer“.

Thomas Münstermann: Es ist wunderbar, dass sich die Mitgliederzahl seit Bestehen des Vereins verdoppelt hat. Dieses Pforzheimer Bürgertheater-Projekt ist keine Eintagsfliege.

PZ: Unabhängig vom baden-württembergischen Abitur-Thema; was erzählt „Faust“ gerade jungen Leuten heute noch?

Thomas Münstermann: „Faust“ beinhaltet eine tolle Liebesgeschichte, die tragisch endet. Zwei junge Menschen – Faust hat sich in der Hexenküche ja einer Verjüngungskur unterzogen – lernen sich kennen, und es kommt zu entsetzlichen Schwierigkeiten. Das Thema ist darüber hinaus auch deshalb relevant für Jugendliche, weil die sich alle die perspektivischen Fragen stellen müssen, wo sie hin wollen im Leben.

PZ: Was folgt nach „Faust I“?

Thomas Münstermann: Die Geschichte geht ja weiter nach der Gretchen-Tragödie. Goethe hat den zweiten Teil seines Lebenswerkes als großes Welttheater konzipiert – in dem die existenziellen Erkundungen von Faust, angeführt durch Mephisto, noch extremer werden. Wir werden diese Reise in der nächsten Spielzeit weiterverfolgen.