Man will es nicht glauben und doch geschieht es. Ein Junge schießt Benzin aus einer Wasserpistole auf eine rauchende Frau und diese fängt an zu brennen. Der strafunmündige Killer flüchtet auf seinem Kinderfahrrad. Der Wiener "Tatort: Angezählt" zeigt das Unfassbare, das Grauen, wie man es lieber ausblendet, wenn man hierzulande über Prostitution spricht und Zuhälter in der Privatglotze zu ach so menschlichen Stars von Realityshows macht, die alles andere außer diese Realität abbilden.
Wien ist überall. Zumindest was den jugendliche Frauen versklavenden Menschenhandel, die totale wie brutale Ausbeutung und die systematische Entmenschlichung im Geschäft mit dem immer billiger werdenden Sex betrifft. Flatrate-Erleichterung für Papa Biedermann und Onkel Langweiler mit den Fotos von Mama und den Kindern in der Brieftasche ist das eine, das verbrecherische Netz hinter diesem Ausverkauf von Lust auf dem Ramschwühltisch das andere.
Da macht Wien mit seinen laut ORF-„Tatort“ 6000 Sexdienste anbietenden Migrantinnen keine Ausnahme. Dort sind es die Bulgaren, hierzulande sind es eben andere irgendwo aus dem Osten, die prügelnd, erpressend und mordend dafür sorgen, dass Männer, die anderswo vielleicht kein Mann sein dürfen oder können, auf die Schnelle sexuell befriedigt werden.
Die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) tauchen ein in diese Welt des Prostitutionselends, in dem selbst die feilschenden Kunden letztlich nur arme Würstchen sind. Die angezündete Frau war eine Ex-Prostituierte, die Bibi Fellner zu einer Aussage gegen ihren Peiniger und Zuhälter ermuntert hatte. Der rächt sich, kaum aus dem Knast entlassen und gleich wieder dick im Geschäft. Das Perverse daran: Er lässt das Kind einer anderen Zwangsprostituierten den Mord ausführen. Der Junge befreit so zwar seine Mutter aus der Sexsklaverei, wird aber von ihr alleingelassen und dann selbst zur Zielscheibe der Zuhälter.
Eigentlich ist dieser „Tatort“ ein Fall von Bibi Fellner. Sie steht im Mittelpunkt, prügelt sich mit einem Zuhälter im Ring einer Boxschule, in dem die Muskelmänner in etwa so viel IQ zu haben scheinen wie die Sandsäcke, auf die sie einprügeln, und sie wird am Ende selbst vom Mordauftraggeber blutig geschlagen. Krassnitzer muss im Prinzip gar nicht eingreifen, denn der bei Bibi Fellner untergeschlüpfte Junge beendet die Prügelorgie und tötet noch einmal einen Menschen. Dieses Mal aber trifft es nicht den Falschen.
Der Wiener "Tatort: Angezählt" ist blutig und brutal – und damit leider ganz nahe an der Wirklichkeit. Adele Neuhauser spielt überzeugend, die Handlung ist furios, das Milieu geprägt von Angst und Hoffnungslosigkeit, von Gewalt und Entmenschlichung. Überall gibt es nur Verlierer, selbst wenn die einen meinen, zu den Gewinnern zu zählen, nur weil sie in einer fetten Nobelkarosse herumkutschieren und andere zu Verlieren pressen. Auf jeden Fall ein Gewinn aber war dieser „Tatort“ aus Österreich.

