Da hat wohl einer früher zu viel Mafia-Filme gesehen und durfte jetzt für die ARD seine Obsession in einen knapp 90-minütigen Sonntagabendkrimi umsetzen. Im „Tatort: Alle meine Jungs“ dirigiert ein Pate, der im Hauptberuf Bewährungshelfer ist, seine Armee aus bösen Buben, die tagsüber als Müllmänner arbeiten. Deren kriminelle Müllgeschäfte stinken zum Himmel, sind zuweilen brutal schmerzhaft bis tödlich, aber nicht zuletzt auch durch das eiserne Schweigegebot äußerst lukrativ. Zum Glück gibt es ja noch das tapfere Bremer Ermittlerduo Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen).
Wer diese beiden Kommissare zum Gegner hat, darf schon mal mit einem längeren Aufenthalt im Knast rechnen. Kein Wunder, dass es genügt, wenn sich beide alleine mit der Müllmafia anlegen. Aber die Bremer Gangster machen ja vieles falsch. In Hollywood sitzt der italienische Küche liebende Pate (Roeland Wiesnekker) nicht im Hinterzimmer eines chinesischen Restaurants. Seine Soldaten tragen nach schlechtem Geschmack aussehende Anzüge, aber auf keinen Fall Latzhosen in Müllmann-Orange. Die Verbrecher leben im Italiener-Viertel in New York, aber nicht im Reihenhäuschen in der Spießergasse mit eigenem Fahrservice für die Kinder und der Option auf eine dicke Zusatzrente.
Der Pate hat auch keine ehrenwerte Familie, die er durch Drogenhandel und Prostitution ernähren muss, sondern er ist ein Single, der scheinbar nur Gutes tun will. Er vermittelt aus der Haft entlassene Bösewichter an ein Müllsammelunternehmen, dessen nicht minder selbstloser Chef für seine Mitarbeiter nur das Beste will. Mindestlohn für unqualifizierte Hilfsjobs und ungelernte Vorbestrafte? Quatsch. Hier werden Sozialleistungen ausgehandelt, die jedem Gewerkschafter von paradiesischen Zuständen träumen lassen.
Gut, es geht nicht ohne Erpressung und eine kleine Bombe in einem Müllwerk. Da bleibt der „Tatort: Alle meine Jungs“ seinen Hollywood-Vorbildern wie „Der Pate“ oder „Good Fellas“ treu. Aber es geht auch nicht ohne organisierte Prügelorgie, Frauenschändung und Mord. So ist es halt, das Leben der ehrenwerten Gesellschaft in Orange.
Mir tun die ehrlichen Müllmänner leid, die bei jedem Wetter draußen hart arbeiten müssen, die nicht ein Reihenhäuschen abbezahlen können und deren Rente nicht für ein entspanntes Leben ohne Sozialhilfe reicht. „Tatort“-Fans dürften diese Menschen in den nächsten Tagen wohl nicht so ganz vorurteilsfrei begegnen. Dabei ist diese „Tatort“-Geschichte doch nur ein märchenhafter Unfug, ein missglückter Versuch, ein modernes Wirtschaftsverbrechen mit der Bandenkriminalität auf Basis einer mafiösen Struktur zu verbinden und nebenher Sozialromantik einfließen zu lassen.
Dass ausgerechnet das sonst eher durch Humorlosigkeit auffallende Bremer Duo Lärsen/Stedefreund sich durch solch einen Unfug quälen muss, machte den Fernsehabend auch nicht leichter. Die Geschichte ist unglaubwürdig, die Personen sind nur halbwegs stimmige Kopien von Hollywood-Mafiastreifen. Das wirkte letztlich eher unfreiwillig komisch, denn spannend und ergreifende EInblicke ins Milieu bietend. Ein verschenkter Abend vor der Glotze.

