Sie haben den „Tatort: Abgründe“ nicht gesehen? Kann schon mal passieren, hätte in diesem Falle aber nicht sein sollen. Wenn Sie nicht die Wiederholung am Montag um 0.15 Uhr im Ersten oder ab 20 Uhr in der ARD-Mediathek anschauen, verpassen Sie eine gnadenlose, böse, harte Abrechnung mit dem österreichischen Filz und den bislang spannendsten „Tatort“ des Jahres mit dem grandiosen Wiener Duo Eisner/Fellner.
Natascha Kampusch wurde jahrelang in einem Keller eines Hauses in Amstetten gefangen gehalten und missbraucht. Der Schock saß damals tief in der österreichischen Gesellschaft: Der nette Herr Nachbar ist ein Kinderschänder mit Sexsklavin im Kellerverlies. Im „Tatort: Abgründe“ führt die Spur in einem ähnlichen Fall allerdings in höchste Kreise. Unternehmer, angesehene Persönlichkeiten spielen eine Rolle, Beamten sind Helfer und Vertuscher. Man kennt sich eben aus den Opernball-Logen und der Herr Staatsanwalt hilft gerne.
Aber man muss nicht nach Österreich schauen, um sich über diese schändlichen Kameradschaften aufzuregen. Laut „Spiegel-Online“ war ein leitender Beamte des Bundeskriminalamts in den Kinderporno-Sumpf verstrickt, der letztlich auch zu einer Hausdurchsuchung beim Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy geführt hat. Der Beamte soll inzwischen nicht mehr beim BKW weilen. Das war es dann aber anscheinend auch schon. Ermittlungen? Strafe? Bislang Fehlanzeige. Und wie das mit dem Geheimnisverrat und dem Warnen vor der Verfolgung durch die Polizei abläuft, wissen wir spätestens seit dem Rücktritt von Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und dem peinlichen Plaudertaschen-Streit zwischen den Regierungsfraktionen.
Da geht einem das Messer in der Tasche auf. Kein Wunder, dass die beiden Wiener Ermittler Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) so richtig sauer werden, nachdem sie bei ihren Untersuchungen mehrmals gegen die Wand laufen. Sie kämpfen nicht nur gegen die Bösen, sondern auch gegen eigene Kollegen und Vorgesetzte, gegen gefälschte Akten, bestochene Zeugen, unterlassene Befragungen und die Suspendierung von Eisner, die Fellner mit der freiwilligen Rückgabe von Polizeiausweis und Dienstwaffe begleitet.
Ohnmacht und Frust lässt sie zu Mitteln greifen, die mit dem Rechtsstaat nicht zu vereinen sind. Auf den beruft sich aber ausgerechnet ein Bauunternehmer und Mitglied der Kinderschänder-Clique gegenüber den Ermittlern. Er wird schließlich von einem pädophilen Ex-General mit dem Auto zu Tode gefahren, der so die letzten Beweise für sein perverses Treiben vernichten kann. Doch Eisner hat längst die Schnauze voll vom fairen Spiel und sorgt mit einem Trick für Gerechtigkeit, auch wenn dann noch einmal jemand sterben muss.
Dabei geht es im Wiener „Tatort“ nicht blutrünstig zu. Auch das Grauen der Kindesmisshandlung wird nie direkt gezeigt. Doch was nicht zu sehen ist, erahnt und spürt man, hört man heraus aus den so gar nicht bedeutungsschwanger aufgemotzen, sondern herrlich elementaren, auch mit reichlich Wiener Schmäh gespickten Dialogen zwischen Eisner und Fellner.
Dabei gibt es immer wieder komische Momente, wenn die mit den Freuden und Leiden des Alkohols bestens bekannte Fellner dem Kollegen Eisner einen Schnaps als Hilfsmittel anbietet und dies später von einer skurrilen Pathologin mit griffbereitem Flachmann wiederholt wird. Überdies dürfte dieser „Tatort“ der Film sein, in dem in den letzten Jahren am meisten Wiener Schnitzel bestellt und gegessen wurden. Aber irgendwie passen diese Klischees genau ins Bild. Selbst der rauchende, in entscheidenden Momenten streikende „Schlampenschlitten“, der von Fellner von ihrem Luden-Freund ausgeliehene Pontiac, gehört wie selbstverständlich dazu.
Im „Tatort: Abgründe“ hat einfach alles gepasst. Die Österreicher können zwar nicht optimal gegen Fußbälle treten, aber TV-Krimis machen sie einfach super.
[Bildergalerie] Immer mehr Kommissare an immer mehr "Tatorten"[Bildergalerie] "Tatort"-Kommissare Lannert und Bootz in Nöttingen
