760_0900_117419_Buurman_4.jpg
Zu Fuß zum Vortrag im LAF-Projektraum: Gerhard Buurman.  Foto: Müller 

Perspektiven durch Spazieren: Professor der Fakultät für Gestaltung stellt aufregende Spaziergangwissenschaft fürs Trainieren städtischer Wahrnehmung vor

Pforzheim. Kann man über das reine Sehen eine Stadt in Zeiten fortschreitender Technisierung überhaupt noch erfassen? Wie können wir eine Welt verstehen, wenn wir sie vermehrt aus Autos, Bahnen oder Flugzeugen kennen? Wie kann man sich übers Spazieren einen Raum erschließen. Das große Ganze hat Gerhard Buurman am Montagabend bei einem Vortrag im LAF-Projektraum an der Östlichen in den Blick genommen.

Der Professor des Master-Studiengangs „Design & Future Making“ an der Fakultät für Gestaltung stellte die Spaziergangswissenschaften vor, die der Schweizer Architekturtheoretiker Lucius Burckhardt in den 1970er-Jahren begründet hat. Zum einen als Methode, die davon ausgeht, „dass Architekten und Stadtplaner lernen müssen, zu sehen, zu lesen, um die Dynamik des urbanen Raums zu verstehen“, erklärt Buurman.

Derlei Erkenntnisse seien nur möglich, „wenn wir die Stadt als Menschen erleben“. Zum anderen soll das Spazieren helfen, den Raum als Bürger-Ort zu begreifen, ihn mit Interventionen auch für Nichtvorhergesehenes zu öffnen. „Es ist die Idee eines Stadtraums als Maschine – ein Organismus, den wir Menschen beleben, damit er der Bürgerschaft dient. Ein Raum, in dem Menschen sich versammeln, auch zu Tanz und Spiel“, führt der gebürtige Hamburger aus. Das sei er heute nur noch ansatzweise.

Daher sei es hilfreich, sich die Stadt beim Spazieren sinnlich zu erschließen. Zu sehen, zu riechen, zu tasten. Den urbanen Raum begreifen und betrachten mit dem, was uns gegeben ist. Aus der eingekapselten Perspektive in Gefährten entlang der Verkehrsachsen könne man nicht wahrnehmen, was diese Planungen für jene bedeuten, die dort wohnen. „Gewalt wird auch durch Strukturen ausgeübt, die geschaffen werden“, sagt Buurman. Durch Architektur oder durch das geplante Vorenthalten von Sitzflächen, Fluchtwegen und Seitenstraßen. Auch durch die sich wegen Smartphones nach unten richtenden Blicke gehe Aufmerksamkeit verloren. GPS-Signale, erweiterte Realität – Vieles können wir ohne entsprechende Werkzeuge gar nicht mehr sehen. „Städte sind ohne Technik fast nicht mehr nutzbar“, so Buurman mit Blick auf so simple Vorgänge wie die Polizei rufen oder Tickets kaufen.

Das Spazieren könne helfen, nach unten und oben zu schauen, alle Stadtebenen wahrzunehmen und die Perspektiven anderer neu zu denken. Ausgehend von der Idee der Salons und Kaffeehäuser sei zudem ein Diskurs wichtig. Ein Konsens durch Austausch von Argumenten, die alle akzeptieren. Um eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie Gemeinschaft funktionieren kann. Derzeit sei eine Re-Feudalisierung der Städte zu beobachten, verstärkt durch die Corona-Pandemie. „Wir ziehen uns ins Private zurück, in biedermeierliche Lebensverhältnisse, weil wir gar nicht mehr aus dem Haus müssen. Amazon und Netflix liefern ja alles. Die Idee von Stadtutopisten der 1960er-Jahre ist deprimierende Wirklichkeit“, so Buurman. Zumal ökonomische Interessen heute dominierten. Und die öffentliche Hand ziehe sich zurück und überlasse Elementares wie Transport und Wasserversorgung privaten Firmen.

Durch bürgerschaftliches Engagement könne der urbane Raum friedlich zurückerobert werden, so Buurman mit Blick auf Thoreaus Theorie zum zivilen Ungehorsam. Suffragetten, Gewerkschaften und Fridays for Future seien Beispiele eines erfolgreichen Erkämpfens politischer Mitwirkung. In einer Stadt als Labor erwachsen neue Aufgaben. Hierfür gelte es, neue Formen der Aneignung zu trainieren. „Wenn wir die Stadt erlaufen, erkennen wir strukturelle Ungleichheiten.“

Die Workshops zur Stadtwahrnehmung im LAF an der Östlichen 7 laufen bis Freitag, Infos auf der LAF-Facebook-Seite

Michael Müller

Michael Müller

Zur Autorenseite