Karlsruhe. „Allzu oft sind sie beides in einem – heilig und unheilig“, sagt Kunsthallen-Direktorin Pia Müller-Tamm. Auf dieses ambivalente Spiel, auf das Spannungsfeld zwischen „erbaulich-fromm und magisch-erotisch“ lenkt auch Kunsthistorikerin Claudia Baumbusch den Blick in ihrem Vortrag zu Leben und Werk Hans Baldung Griens (1484–1545), dem die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe noch bis 8. März eine sehenswerte Große Landesausstellung mit dem Titel „heilig | unheilig“ widmet.
In einer hoch gebildeten, überwiegend in Straßburg und Freiburg beheimateten Familie aufgewachsen, gelingt es dem Zeitgenossen Reuchlins, „tradierte Bildthemen neu zu interpretieren und religiöse Themen in der Lebenswelt seiner Zeit zu verankern“, schildert Baumbusch. In dieser Umbruchzeit zwischen Mittelalter und Neuzeit, zwischen Reformation und Bauernkrieg stehen auch die Themen der Vergänglichkeit, Vanitas-Motive, im Vordergrund. Und hier entwickelt der Künstler höchst eindringliche Werke, die einen Dialog mit dem Betrachter eingehen, ihn in die Rolle eines Voyeurs versetzen. Da ist der Blick auf „die unverhüllte, weibliche Scham“ im Gemälde „Der Tod und die Frau“ (um 1520), „der die Frage aufwirft: Wie groß ist der eigene Anteil an der Sünde, wie sehr ist man selbst Adressat dieses erotischen Spiels?“
Hans Baldung macht auch vor zutiefst religiösen Themen nicht Halt, wie in seiner „Maria Maria mit Kind und Papageien“. „Ist das noch ein Andachtsbild oder eher ein Werk, das sich der Auftrageber in die private Kunstkammer hängte?“ fragt Baumbusch. Der deutlich dem Säuglingsalter entwachsene Jesusknabe schaut den Betrachter direkt an, während ihm die Brustwarze der Mutter bereits aus dem Mund rutscht. Dazu ein Papagei, der Maria am Hals knabbert, ein Putto, der mehr ein Amor ist und eine Perlenkette auf makellos schöner Haut – da schwingen deutlich Venus-Darstellungen mit.
„Unheilig mag noch die diskreteste Bezeichnung für Baldungs außergewöhnliche Darstellung einer vermeintlichen Hexe sein“, schreibt Julia Carrasco im Katalogbeitrag über die Zeichnung „Junge Hexe und fischgestaltiger Drache“ von 1515. Eher pornografisch mutet das an, was die kurvenreiche, nackte Frau und der Drache hier treiben. Und es lässt eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten zu. „Man muss davon ausgehen, dass diese Zeichnung für einen elitären Kreis hochgebildeter Männer bestimmt war, die sich dieses Kabinettstückchen leisteten, die Nacktheit mit Vergnügen betrachteten, und sich an der Doppeldeutigkeit erfreuten“, sagt Claudia Baumbusch.
Fast schon harmlos kommen da die „Zwei Hexen“ aus dem Jahr 1523 daher. Die hellhäutigen Schönen bieten sich nackt dem Betrachter dar – mit wehendem Haar und kokettem Blick über die Schulter. „Die Gefährlichkeit dieser Hexen liegt nicht in erster Linie in der Teufelsbuhlschaft, sondern in ihrer unheimlichen Sinnlichkeit und entfesselten Schamlosigkeit“, schreibt Julia Carrasco. Aber Baldung sieht’s auch mit Humor: Ganz jämmerlich blickt der in die Knie gegangene Ziegenbock den Betrachter an. Die opulente Nackte scheint doch etwas zu gewichtig für den kleinen Kerl.
Hans Baldung Grien hatte nicht nur private und kirchliche Auftraggeber: Auch Fürsten nahmen – zu Propagandazwecken – seine Dienste in Anspruch. Sein „Bildnis des Markgrafen Christoph I. von Baden“ aus dem Jahr 1511 gilt als Pionierleistung der deutschen Druckgrafik. Denn dieser Holzschnitt eignete sich bestens für die Verbreitung. Und Baldungs Darstellung – nur fünf Jahre vor der Entmündigung durch seine Söhne im Erbfolgestreit – zeigt den Markgrafen mit markant akzentuierter Nase, Adlerblick, mit dem er offenen Auges in die Zukunft schaut, und einem Bart, der an eine Löwenmähne denken lässt. Eines der vielen Beispiele, dass Hans Baldung nicht nur ein genialer Künstler, sondern auch ein klug seine Mittel einsetzender Unternehmer war.
Kunstfahrt mit Claudia Baumbusch
Die Kunstfahrt mit Claudia Baumbusch nach Karlsruhe findet am Freitag, 27. Dezember, statt. Start ist um 8.30 Uhr am Hauptbahnhof. Die individuelle Anreise ist auch möglich. Weitere Informationen beim Pforzheimer Reisebüro, Telefon (07231) 302212. Die Ausstellung ist bis 8. März täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.





